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Die Kursbuchstrecke 670 - Betrieb -- Betriebliche Besonderheiten: Aktion Lindwurm/Operation Steel Box

Vorgeschichte
1983 bestätigte das amerikanische Verteidigungsministerium unter C. W. Weinberger die Existenz chemischer Kampfstoffe, hauptsächlich Sarin, Tabun und VX, in deutschen Lagern, u.a. im rheinland-pfälzischen Clausen. Dem vorausgegangen waren Spekulationen der deutschen (Lokal-)Presse sowie Demonstrationen besorgter Bürger. 1986 vereinbarten der deutsche Bundeskanzler Helmut Kohl sowie der amerikanische Präsident Ronald Reagan am Rande des Weltwirtschaftsgipfels in Tokyo den Abtransport aller in Deutschland gelagerter, chemischer Waffen bis spätestens 1992. Die Kampfstoffe sollten außerhalb Deutschlands zerstört werden. Man entschied sich für einen Transport innerhalb Deutschlands nach Nordenham, wo die Verladung der Waffen auf Schiffe erfolgen sollte. Die Zerstörung sollte auf dem Johnston-Atoll im Pazifik stattfinden.
Die dreijährigen Planungen begannen 1986. U.a. wurden alle Fahrzeuge, die beim Transport eingesetzt werden sollten, auf ihre Sicherheit hin untersucht. Zu befahrene Bauwerke wurden auf ihre Stabilität hin überprüft und ggf. angepasst. Der 1989 amtierende amerikanische Präsident George H. W. Bush erließ durch seinen Verteidiungsminister J. Baker am 6. März 1989 eine Weisung mit dem Ziel, Wege eines schnelleren Abtransports zu finden. Mit dem 26. Juli 1990 startete die Aktion Lindwurm oder die Operation Steel Box, wie sie von amerikanischer Seite aus tituliert wurde.

Abtransport der Waffen
Vom 26. Juli 1990 an wurden innerhalb von 28 Tagen alle in speziell angefertigte Container verladenen Waffen per LKW aus dem Lager in Clausen in das Miesau Army Depot bei Buchholz in der Nähe von Bruchmühlbach-Miesau transportiert. Von diesem aus konnte über ein Anschlussgleis Hauptstuhl erreicht werden, wo Anschluss an das Hauptstreckennetz bestand. Zudem war die Gegend um das Depot nur gering besiedelt, sodass zusätzliche Sperr- oder sogar Evakuierungsmaßnahmen unterbleiben konnten. Beim Straßentransport wurde auch ein Teil der noch nicht fertiggestellten Autobahn 62 genutzt, der speziell hierfür hergerichtet wurde.
Während des Transports waren die befahrenen Straßen durch deutsche Sicherheitskräfte für den übrigen Verkehr gesperrt, während amerikanische und deutsche Personale die Transporte begleiteten. Auch der Luftraum wurde gesperrt. In Buchholz wurden die Container von LKW auf die bereitgestellten Züge verladen, welche zwischen dem 12. und 19. September 1990 - jeweils zwei Züge pro Tag - den Midgard-Hafen in Nordenham anfuhren. Dort erfolgte die Verladung auf Schiffe.

Betrieblicher Ablauf
Auf Seiten der Deutschen Bundesbahn waren umfangreiche Planungen erforderlich, um den Transport reibungslos und gefahrenfrei durchzuführen. Bereits recht früh stand fest, dass pro Tag zwei Munitionszüge und ein Begleitzug fahren sollten.
Die Fahrplanausarbeitung gestaltete sich recht schwierig. Die Züge durften sich auf freier Strecke sowie in Bahnhöfen nicht mit Zügen begegnen, die ihrerseits eine Lademaßüberschreitung aufwiesen oder Gefahrgut beförderten. Rangierarbeiten durften nur auf gesonderte Anweisung hin durchgeführt werden.

Um einen möglichst reibungslosen Ablauf der Transportaktion zu gewährleisten, wurden sämtliche Transportzüge (Munitionszüge und Begleitzüge) mit je zwei Diesellokomotiven der Baureihe 218 in Doppeltraktion bespannt. Dies erlaubte die von der Stromversorgung unabhängige Durchführung des Transports, sodass im Falle einer Oberleitungsstörung der Zug nicht stehen blieb und seine Fahrt fortsetzen konnte. Weiterhin wurde durch mögliche Sabotageaktionen an den Fahrleitungen der übrige Zugverkehr nicht behindert.
Die Lokomotiven wurden aus den Bereichen der Bundesbahndirektionen Karlsruhe, Nürnberg und Stuttgart zusammengezogen und von Kaiserslautern aus disponiert. Pro Tag wurden sechs Loks benötigt (2x2 für die Transportzüge, 1x2 für den Begleitzug), welche die Züge zwischen dem Depot Buchholz und Kassel zogen. In Kassel übernahmen Loks des Werks Hagen die Traktion. Die Munitionszüge wurden unmittelbar nach ihrer Entladung von Loks der Baureihe 140 zurück nach Einsiedlerhof gebracht, sodass sie am nächsten Abend für die weiteren Transporte bereitstanden. Der Begleitzug trat die Rückfahrt zumeist direkt nach der Ankunft in Nordenham an. Die Zugloks wurden als Lokzug überführt, was eine gründliche Überprüfung der zu befahrenden Strecken hinsichtlich ihrer Belastbarkeit erforderte. Die Rücküberführung der Wagenparks wurde in Zusammenarbeit mit der US Army bereits Wochen vor Beginn des eigentlichen Transports geplant.

Für die Streckenverläufe hatte man zuvor intern drei mögliche Routen festgelegt und mit detaillierten Fahrplänen ausgearbeitet:

  1. Route "rot"
    Buchholz - Kaiserslautern - Worms - Groß-Gerau - Darmstadt - Aschaffenburg - Gießen - Kassel - Löhne - Bremen
  2. Route "grün"
    Buchholz - Kaiserslautern - Worms - Groß-Gerau - Koblenz - Leverkusen - Münster - Osnabrück
  3. Route "blau"
    Buchholz - Einsiedlerhof - Homburg - Saarbrücken - Trier - Gerolstein - Köln - Leverkusen - Münster - Osnabrück

Um die Fahrt durch dicht besiedelte Gebiete wie das Ruhrgebiet oder das Rheintal zu vermeiden, wurden alle Züge über die Route "rot" geleitet. Die beiden anderen dienten somit nur als Reserve, falls die Wunschstrecke nicht befahrbar sein sollte. Die Fahrzeiten sowie die befahrene Route wurden in der Lokalpresse sowie in den Verkehrsmeldungen im Radio bekanntgegeben.
Mehrere Wochen vor Beginn der Fahrten wurde auf amerikanischem Militärgelände mit allen Beteiligten eine realitätsnahe Übung durchgeführt, in der mehrere Szenarien durchgespielt wuren. Hierzu zählten beispielsweise ein Brand, ein außerplanmäßiger Halt durch technischen Defekt o.ä. sowie ein Überfall durch verfassungsfeindliche Organisationen.


In Hauptstuhl wechselten die Züge vom Anschlussgleis des Munitionsdepots auf die Hauptstrecke. Die Aufnahme zeigt einen zur Streckensicherung eingesetzten Bahnpolizeibeamten. © Klaus Brucker, Bahnpolizeiposten Mönchengladbach/Slg. Thomas Steidl
Die Züge wurden leer im Rangierbahnhof Einsiedlerhof vorbereitet und von dort aus nach Buchholz gefahren. Dort erfolgte die Beladung. Zur Vermeidung möglicher Zwischenhalte und um die Beeinflussung sowohl des Planzugverkehrs als auch durch mögliche Schaulustige an den Gleisen und in Bahnhöfen ließ man die Züge in Buchholz am Abend abfahren, sodass sie nach zehn- bis zwölfstündiger Fahrt am Morgen in Nordenham eintrafen.
Die Abfahrt in Buchholz erfolgte meist gegen 17.00 Uhr. Der erste Zug verließ als Rangierfahrt das Depot über das Anschlussgleis nach Hauptstuhl, wo die Rangierfahrt in eine Zugfahrt überging. Nachdem der erste Zug Hauptstuhl verlassen hatte, fuhr der zweite in Buchholz ab. Diesem folgte der Begleitzug mit Sicherheitspersonal und - bei der ersten Fahrt - Vertretern der amerikanischen und deutschen Regierungen.
Der Transport am ersten Tag fuhr die Strecke nicht komplett durch, sondern legte in Einsiedlerhof einen Halt ein. Dies ermöglichte den dort zusteigenden Innenministern von Rheinland-Pfalz und Hessen sowie dem amerikanischen Botschafter, den Zug selbst in Augenschein zu nehmen und sich vom korrekten Ablauf der Aktion zu überzeugen. Der Begleitzug führte für die hochrangigen Begleiter eigens einen Salonwagen mit.
Ständige Begleiter des Transports waren Beamte der Bahnpolizei, des Bundesgrenzschutzes, der Bundeswehr, des deutschen und amerikanischen Zivilschutzes sowie der amerikanischen Streitkräfte.
Während des Transports wurde die Strecke von Buchholz über Hauptstuhl bis Ludwigshafen durch mehrere Beamte von Bahnpolizei und Bundesgrenzschutz abgesichert. Auf dem Teil, der die Kursbuchstrecke 670 befuhr, kam es zu keinen nennenswerten Vorfällen. Die Gesamteinsatzleitung auf Seiten der Deutschen Bundesbahn, federführend durch die Bahnpolizei, für den Abschnitt Buchholz - Ludwigshafen befand sich auf dem Rangierbahnhof Einsiedlerhof im Gebäude der Bahnhofsverwaltung.

Zugbildung
Die Züge waren ihrem Zweck entsprechend gebildet und stachen aus dem gewohnten Alltagsbild deutlich hervor. Nachfolgend eine Übersicht der Zugbildungen.

  • Munitionszüge
    Zugloks - 2 Begleitwagen (Militär und Polizei) Gattung Bm 235 - 1 Beobachtungswagen (Gattung Pwg in blau) - 1 Flachwagen mit 1 Begleitfahrzeug - 10 Containertragwagen à 2 Container - 1 Reisezugwagen Gattung Bm 235 - 1 Gepäckwagen - 1 Flachwagen mit 1 Feuerwehrfahrzeug - 1 leerer Containertragwagen - 10 Containertragwagen à 2 Container - 2 Reisezugwagen Gattung Bm 235
  • Begleitzüge
    Zugloks - mehrere Reisezugwagen - 2 Packwagen (Gattung MD) - mehrere Flachwagen (beladen mit Spezial- und Einsatzfahrzeugen von Militär, Feuerwehr und Polizei)

Fazit
Die "Aktion Lindwurm" war die erste Kampfstofftransportaktion in der Geschichte der Deutschen Bundesbahn und der Pfälzischen Ludwigsbahn außerhalb eines Krieges. Sie kann als eine Art "Generalprobe" für den ersten nur wenige Jahre später verkehrenden Castortransport gesehen werden. Angesichts der Gefährlichkeit sowie der polarisierenden Wirkungs dieses Themas in der Gesellschaft sind Veröffentlichungen von Routen und Fahrzeiten dieser Züge heute jedoch undenkbar und würden ein gefährliches Sicherheitsrisiko auch für Unbeteiligte darstellen.
Wesentlich zum Gelingen der in der Geschichte bisher einmaligen Transportaktion beigetragen haben alle an der Organisation und Durchführung beteiligte Personen. Die genaue Planung seitens der Bundesbahn und die Entwicklung von Reaktionskonzepten zu allen denkbaren Abweichungen oder Angriffen führte dazu, dass jeder Beteiligte genau wusste, "was wann zu tun ist".
Die Bahnpolizei als Hauptträger der Sicherungs- und Begleitungsaufgaben trug wesentlich zur sicheren Durchführung der Transporte bei. Aus ganz Deutschland wurden Kräfte zusammengezogen, um den Transport auf gesamter Strecke zu begleiten, die Strecke zu sichern oder die Wagen vor der Beladung und vor dem Start mit speziell ausgebildeten Suchhunden zu überprüfen. Der Aufwand kann mit dem der heutigen Castortransporte verglichen werden, wenngleich es zur damaligen Zeit keine Demonstrationen gab, weswegen der Zug hätte gestoppt werden müssen. Dies stellt ebenfalls als ein Ergebnis der hervorragenden Arbeit der eingesetzten Beamten dar.