Hauptnavigation

Sie befinden sich hier: Start > Die Kursbuchstrecke 670 > Betrieb > Betriebliche Besonderheiten > Aktion Lindwurm

Die Kursbuchstrecke 670 - Betrieb -- Betriebliche Besonderheiten: Aktion Lindwurm

1989 wurde von offizieller Seite bestätigt, dass die Vereinigten Staaten von Amerika einen Teil ihrer chemischen Kampfstoffe auch in Westdeutschland lagern. Anfang der 1990er Jahre wurden die Granaten aus Rheinland-Pfalz zurück in die USA überführt. Hierbei wurde auf einem Teil des mit mehreren Verkehrsträgern zurückgelegten Transportweges auch der im Rahmen dieser Internetseiten behandelte Streckenabschnitt Saarbrücken Hbf - Mannheim Hbf genutzt.
Die nachfolgenden Ausführungen beschreiben diese unter dem Namen "Aktion Lindwurm" bekannte Transportaktion. Dabei wird das Ziel einer möglichst umfangreichen Beschreibung verfolgt, welche sich nicht nur ausschließlich auf den Bahntransport der Granaten konzentriert, sondern auch Hintergrundinformationen bereitstellt. Für den interessierten Leser findet sich am unteren Ende der Seite ein separater Abschnitt über den chemischen Hintergrund zu den im Rahmen dieser Aktion transportieren chemischen Kampfstoffen. Zum Verständnis wird dabei jedoch ein gewisses Grundlagenwissen in Chemie und Biologie vorausgesetzt.

Vorgeschichte und Hintergrund
155 mm-Granaten mit Senfgas; ähnlich zu den Modellen, die bei der "Aktion Lindwurm" abtransportiert wurdenU.S. Army, gemeinfrei. verfügbar unter https://commons.wikimedia.org/wiki/File:155mmMustardGasShells.jpg (abgerufen am 16.03.2018)
Bereits im Jahr 1981 äußerten Umweltschützer und Friedensaktivisten Vermutungen, dass chemische Kampfstoffe US-amerikanischen Ursprungs zu einem großen Teil auch in Westdeutschland gelagert würden. Der Lagerort wurde zu diesem Zeitpunkt u.a. im Raum Pirmasens vermutet. Örtliche Gewerkschaftsvertreter sowie eine eigene Bürgerinitative nahmen sich ebenfalls dieser Thematik an und äußerten ihre Besorgnis über die fehlende Information der Bevölkerung, sollten sich die Vermutungen bewahrheiten.L. Klein, S. Krüger in Sozialdemokratie in Rheinland-Pfalz - Dokumente aus drei Jahrzehnten (Hrsg.: J. Roth), online verfügbar unter http://www.sozialdemokratie-rlp.de/dokumente/operation-lindwurm.html (abgerufen am 15.03.2018). Im Mai des gleichen Jahres berichtete das WDR-Magazin "Monitor" über vermeintliche chemische Kampfstoffe US-amerikanischen Ursprungs, welche auch in Deutschland gelagert werden sollten, und bestätigte so die Vermutungen der Aktivisten. Eine Bestätigung von amerikanischer Seite erfolgte jedoch erst 1983 durch das US-Verteidigungsministerium unter C. W. Weinberger.Dokucenter Ramstein, Operation Lindwurm. Eine öffentlich durchgeführte geheime Aktion, Begleitheft zur Ausstellung, 2010, http://www.dc-ramstein.de/de/publikationen?download=5:operation-lindwurm-eine-oeffentlich-durchgefuehrte-geheime-aktion (abgerufen am 15.03.2018). Demnach lagerten in Rheinland-Pfalz etwa 100 000United States General Accounting Office, DOD's Successful Effort to Remove U.S. Chemical Weapons From Germany, Februar 1991, S. 6. T. Ferguson in 59th Courier, Special Edition (Hrsg.: 59th Ordnance Brigade Office of Public Affairs), Pirmasens, 1990, S. 2f. - an anderer Stelle ist von 120 000J. B. Tucker, War of Nerves. Chemical Warfare from World War I to Al-Qaeda, 1. Aufl., Pantheon Books, New York, 2006, S. 296. die Rede - Artilleriegranaten mit Kalibern von 155 Millimetern bzw. 8 ZollUnited States General Accounting Office, DOD's Successful Effort to Remove U.S. Chemical Weapons From Germany, Februar 1991, S. 6. mit insgesamt 437 Tonnen Sarin (GB) und VXUnited States General Accounting Office, DOD's Successful Effort to Remove U.S. Chemical Weapons From Germany, Februar 1991, S. 6. T. Ferguson in 59th Courier, Special Edition (Hrsg.: 59th Ordnance Brigade Office of Public Affairs), Pirmasens, 1990, S. 2f. J. B. Tucker, War of Nerves. Chemical Warfare from World War I to Al-Qaeda, 1. Aufl., Pantheon Books, New York, 2006, S. 296., was zum damaligen Zeitpunkt letztlich nur einem Anteil von einem Prozent am gesamten US-amerikanischen Atomwaffenarsenal entsprachohne Autor, Removal of nerve gas scheduled, The Stars and Stripes, 08.03.1990.. Über den tatsächlichen Lagerort konnte aufgrund der restriktiven Informationspolitik der Bundesregierung sowie der USA jedoch weiterhin nur gemutmaßt werden.ohne Autor, Der Spiegel 1987, 53, S. 50-52. ohne Autor, Der Spiegel 1989, 52, S. 58-63.
Im Rahmen des G7-Gipfels in Tokio vereinbarten der damalige US-Präsident Ronald Reagan, der deutsche Bundeskanzler Helmut Kohl sowie der damalige Außenminister Hans-Dietrich Genscher am 6. Mai 1986ohne Autor, Der Spiegel 1986, 20, S. 120f. den Abtransport der Waffen aus Deutschland bis spätestens 1992.J. B. Tucker, War of Nerves. Chemical Warfare from World War I to Al-Qaeda, 1. Aufl., Pantheon Books, New York, 2006, S. 295. T. Ferguson in 59th Courier, Special Edition (Hrsg.: 59th Ordnance Brigade Office of Public Affairs), Pirmasens, 1990, S. 2f. ohne Autor, Der Spiegel 1989, 52, S. 58-63. Im Gegenzug forderten die USA die Zustimmung Deutschlands zur Produktion neuer binärer WaffenBei binären Waffen liegt im Gegensatz zu den abtransportierten Granaten der chemische Kampfstoff noch nicht in seiner einsatzbereiten Form vor. Er entsteht erst durch eine Reaktion zweier vergleichsweise ungefährlicher Stoffe nach dem Abschuss unter Einsatz von Reaktionshilfsstoffen. Auf diese Weise wird Produktion, Handhabung, Lagerung und Entsorgung der Waffen deutlich vereinfacht und insgesamt günstiger. auf chemischer Basis, welche allerdings in Friedenszeiten nur in den USA gelagert werden sollten. Zu diesem Zeitpunkt war das "Übereinkommen über das Verbot der Entwicklung, Herstellung, Lagerung und des Einsatzes chemischer Waffen und über die Vernichtung solcher Waffen" (Chemiewaffenübereinkommen) noch nicht ausgehandelt.ohne Autor, Der Spiegel 1987, 42, S. 14f.
Bedingt durch den Mauerfall am 9. November 1989, der danach folgenden Wiedervereinigung und der im Dezember 1990 anstehenden ersten gesamtdeutschen Bundestagswahl wurde der Termin auf Drängen Kohls durch US-Präsident George H. W. Bush um zwei Jahre vorverlegt.J. B. Tucker, War of Nerves. Chemical Warfare from World War I to Al-Qaeda, 1. Aufl., Pantheon Books, New York, 2006, S. 295. T. Ferguson in 59th Courier, Special Edition (Hrsg.: 59th Ordnance Brigade Office of Public Affairs), Pirmasens, 1990, S. 2f. Dem voraus ging im März 1989 bereits eine Ankündigung des US-amerikanischen Außenministers James A. Baker III über die Prüfung eines um zwei Jahre schnelleren Abzugs der Waffen. Der US-Kongress stimmte dem früheren Abzugstermin letztlich nur unter verschiedenen Bedingungen zu, welche nachfolgend aufgelistet sind.United States General Accounting Office, DOD's Successful Effort to Remove U.S. Chemical Weapons From Germany, Februar 1991, S. 1.
  1. Das technische und operative Risiko des Transports muss möglichst niedrig sein. Die Sicherheit der Umwelt und insbesondere der allgemeinen Öffentlichkeit muss Vorrang haben.
  2. Vor Beginn des Abzugs muss das Arsenal an binären chemischen Waffen eine bestimmte Größe erreicht haben. (Der geforderte Umfang wird in den Quellen nicht genannt.)
  3. Die Finanzierung des Vorhabens wird für das Haushaltsjahr 1990 auf 10 Millionen US-Dollar gedeckelt, bis die Funktions- und Leistungsfähigkeit der Entsorgungsanlage auf dem Johnston-Atoll (Johnston Atoll Chemical Agent Disposal System, JACADS) eindeutig nachgewiesen ist.
In Verbindung mit Berichten über Clausen als möglichem Lagerort der chemischen Kampfstoffe in der Westpfalzohne Autor, Der Spiegel 1989, 52, S. 58-63. und der Vorverlegung des Termins um zwei Jahre wurden in der Bevölkerung und in einigen Aktivistengruppen Bedenken gegen einen vorschnellen Abtransport geäußertJ. B. Tucker, War of Nerves. Chemical Warfare from World War I to Al-Qaeda, 1. Aufl., Pantheon Books, New York, 2006, S. 296.. Nachdem im März 1990Dokucenter Ramstein, Operation Lindwurm. Eine öffentlich durchgeführte geheime Aktion, Begleitheft zur Ausstellung, 2010, http://www.dc-ramstein.de/de/publikationen?download=5:operation-lindwurm-eine-oeffentlich-durchgefuehrte-geheime-aktion (abgerufen am 15.03.2018). von offizieller Seite bestätigt wurde, dass die fraglichen Stoffe nicht in Fischbach - wie zuvor jahrelang angenommen - sondern tatsächlich in Clausen unter Zuständigkeit der 59th Ordnance Brigade lagern, wurde durch Aktivisten und Einwohner per einstweiliger Verfügung vor dem Verwaltungsgericht Köln versucht, den Abtransport zu stoppen.ohne Autor, Der Spiegel 1990, 29, S. 57f. Damit verfolgten sie vor allem das Ziel, vor Beginn der Transportaktion eine Untersuchung über die Risiken der Transportaktion für die Sicherheit von Mensch und Umwelt zu erzwingen. Der Antrag wurde abgelehnt.J. B. Tucker, War of Nerves. Chemical Warfare from World War I to Al-Qaeda, 1. Aufl., Pantheon Books, New York, 2006, S. 296.
Als Zeitfenster für den Abtransport wurde im Rahmen einer Regierungsvereinbarung zwischen Deutschland und den USA der Zeitraum Juli bis September 1990 avisiert, vorbehaltlich möglicher zeitlicher Verschiebungen je nach aktueller Lageohne Autor, Removal of nerve gas scheduled, The Stars and Stripes, 08.03.1990. Von deutscher Seite aus wurde das Transportvorhaben als "Aktion Lindwurm" - gelegentlich auch "Operation Lindwurm" - bezeichnetJ. B. Tucker, War of Nerves. Chemical Warfare from World War I to Al-Qaeda, 1. Aufl., Pantheon Books, New York, 2006, S. 296., während von US-amerikanischer Seite aus die Bezeichnungen "Operation Steel Box" oder "Operation Golden Python"ohne Autor in The A to Z of nuclear, biological and chemical warfare (Hrsg.: B. C. Garret, J. Hart), Scarecrow Press, Lanham, Toronto, Plymouth, 2009, S. 160. verwendet wurden. Die Leitung der deutsch-amerikanischen Arbeitsgruppe auf deutscher Seite übernahm Generalmajor Klaus D. Neumann, welcher Gleichzeitig auch die interministerielle Kommission zur Thematik "Chemische Waffen" leitete.S. P. Gehring, From the Fulda Gap to Kuwait. U.S. Army, Europe and the Gulf War, Department of the Army, Washington D. C., 2002, S. 41f.

Planung, Vorbereitung und Durchführung
Die Planungen sahen vor, die Waffen zunächst per LKW zum U.S. Army-Depot Reserve Storage Activity in Buchholz bei Miesau zu verbringen. Dort sollten sie auf Züge verladen und über Nacht nach Nordenham transportiert werden, wo letztlich die Verladung auf spezielle Transportschiffe stattfinden sollte. Danach sollte sich die Verschiffung zum Johnston-Atoll vor der Südwestküste Hawaiis anschließen. Bis zu ihrer endgültigen Zerstörung sollten die Granaten dort als Teil des US-amerikanischen Chemiewaffenarsenals gelagert werden.United States General Accounting Office, DOD's Successful Effort to Remove U.S. Chemical Weapons From Germany, Februar 1991, S. 8. Die Kombination aus Land-, Bahn- und Seetransport wurde dabei von den beteiligten Stellen aufgrund des statistisch geringeren Unfallrisikos gegenüber einem direkten Lufttransport gewählt.J. Owen, P. Davidson, Nerve gas safety plan explained, The Stars and Stripes, 09.03.1990.
Die Aktion kann in vier große Phasen unterteilt werden, wobei die einzelnen Phasen erneut untergliedert werden können.verschiedene Autoren in 59th Courier, Special Edition (Hrsg.: 59th Ordnance Brigade Office of Public Affairs), Pirmasens, 1990. S. Neuhauser, Notfallvorsorge und zivile Verteidigung 1991, 2, S. 30-33.
  • Phase 1: Vorbereitung
    • Phase 1.1: Festlegung geeigneter Verpackungsarten und -materialien; Untersuchung der Transportfahrzeuge; Unterweisung und Training aller Beteiligten auf der gesamten Wegstrecke von Clausen bis auf das Johnston-Atoll
    • Phase 1.2: Übungen zu jeder Phase der Transportaktion mit allen Beteiligten
  • Phase 2: Transportaktion
    • Phase 2.1: Verpackung und Verladung in Clausen
    • Phase 2.2: Straßentransport nach Miesau
    • Phase 2.3: Bahntransport von Miesau nach Nordenham
    • Phase 2.4: Seetransport von Nordenham zum Johnston-Atoll
  • Phase 3: Vernichtung
Die "Vernichtungsphase" (Phase 3) ist dabei nicht mehr der eigentlichen Transportaktion zuzurechnen, ist jedoch der Vollständigkeit wegen erwähnt.

Phase 1: Vorbereitung
Da die luftdichten und feuchtigkeitsresistenten Granaten für den Transport unter Gefechts- und widrigen Umgebungsbedingungen - z.B. Hitze, Kälte, schlechte oder fehlende Sicherungseinrichtungen beim Transport - konstruiert wurden, wären prinzipiell keine besonderen Sicherungsmaßnahmen während des Abtransports erforderlich gewesen. Im Rahmen der Lagerung und im Vorfeld des Abtransports testete das US-Militär die Granaten z.B. auf das Verhalten beim Herabfallen von etwa 50 km/h schnellen Lastwagen sowie beim mehrmaligen (bis zu zwölf Mal hintereinander) Herabfallen aus etwa 12 Metern Höhe auf eine Stahlplatte. Bei keinem dieser Tests kam es zu signifikanten Beschädigungen. Aufgrund der Sicherheitsbedenken sowohl auf deutscher als auch auf US-amerikanischer Seite und der o.g. Vorgaben des US-Kongresses wurde jedoch ein umfangreiches Sicherheitskonzept erarbeitet.J. Owen, P. Davidson, Nerve gas safety plan explained, The Stars and Stripes, 09.03.1990. T. Ferguson in 59th Courier, Special Edition (Hrsg.: 59th Ordnance Brigade Office of Public Affairs), Pirmasens, 1990, S. 2f.

Phase 1.1: Festlegung geeigneter Verpackungsarten und -materialien
In die Holzverschalungen eingesetzte Granaten.modifizierte Darstellung, entnommen aus D. B. Hill, Propagation and fire tests conducted on a secondary steel container designed for movement of chemical agent artillery projectiles, http://www.dtic.mil/dtic/tr/fulltext/u2/a521350.pdf (abgerufen am 16.03.2018).
Im
schematische Darstellung eines MILVANs.modifizierte Darstellung, mit freundlicher Genehmigung entnommen aus J. Pike, U.S. Army Field Manual 55-65, Appendix E, https://www.globalsecurity.org/military/library/policy/army/fm/55-65/appe.htm (abgerufen am 16.03.2018).
Rahmen der Untersuchungen zu geeigneten Verpackungsarten und -materialien wurden über einen Zeitraum von mehreren Monaten hinweg umfangreiche Testreihen durchgeführt. Letztlich entschied man sich dazu, die Projektile in speziell angefertigte Holzverschalungen einzusetzen.T. Ferguson in 59th Courier, Special Edition (Hrsg.: 59th Ordnance Brigade Office of Public Affairs), Pirmasens, 1990, S. 2f. Diese wurden anschließend in speziell angefertigte Sekundärstahlcontainer eingesetztT. Ferguson in 59th Courier, Special Edition (Hrsg.: 59th Ordnance Brigade Office of Public Affairs), Pirmasens, 1990, S. 2f., wobei in jeden Container nur eine Palette verladen wurdeJ. Owen, P. Davidson, Nerve gas safety plan explained, The Stars and Stripes, 09.03.1990.. Diese Behälter standen letztlich auch Pate für den amerikanischen Namen "Operation Steel Box".J. B. Tucker, War of Nerves. Chemical Warfare from World War I to Al-Qaeda, 1. Aufl., Pantheon Books, New York, 2006, S. 296. Die Paletten in den SSC wurden fixiert, mit Streben gegen unbeabsichtigtes Bewegen gesichert und anschließend in spezielle militärische Transportbehältnisse - so genannte MILVANs - verladen.J. B. Tucker, War of Nerves. Chemical Warfare from World War I to Al-Qaeda, 1. Aufl., Pantheon Books, New York, 2006, S. 296.
Die SSC wurden durch die U.S. Army speziell für die Transportaktion entwickelt und durch einen Vertragspartner in Westdeutschland produziert. Insgesamt waren hierfür Kosten von 6,7 Millionen US-Dollar für 5680 Container geplant, was mit dem 31. Mai 1990 auch vertraglich vereinbart wurde.United States General Accounting Office, DOD's Successful Effort to Remove U.S. Chemical Weapons From Germany, Februar 1991, S. 10. Eine der Hauptanforderungen an die Behältnisse war eine gas- und dampfdichte Bauweise, sodass im Falle einer Leckage keine Emission in die Umwelt erfolgen sollte.T. Ferguson in 59th Courier, Special Edition (Hrsg.: 59th Ordnance Brigade Office of Public Affairs), Pirmasens, 1990, S. 2f.
"Secondary Steel Container" (SSC)modifizierte Darstellung, entnommen aus D. B. Hill, Propagation and fire tests conducted on a secondary steel container designed for movement of chemical agent artillery projectiles, http://www.dtic.mil/dtic/tr/fulltext/u2/a521350.pdf (abgerufen am 16.03.2018).
Während der Produktionsphase wurden die Arbeiten durch stetige Anpassungen der Designvorgaben verlangsamt und insgesamt teurer, sodass letztlich 13,6 Millionen US-Dollar für den Bau der Behälter gezahlt werden mussten. Abschnittsweise kam die Fertigstellung ganz zum Erliegen, da die US-Regierung nicht in der Lage war, offene Rechnungen zu begleichen. Nur durch finanzielle Hilfe der Bundesregierung konnten die Container rechtzeitig fertiggestellt werden. Am 22. August 1990 wurde schließlich die Lieferung abgeschlossen.United States General Accounting Office, DOD's Successful Effort to Remove U.S. Chemical Weapons From Germany, Februar 1991, S. 10-11.
SSC, beladen mit jeweils einzelner Granatpalette.modifizierte Darstellung, entnommen aus D. B. Hill, Propagation and fire tests conducted on a secondary steel container designed for movement of chemical agent artillery projectiles, http://www.dtic.mil/dtic/tr/fulltext/u2/a521350.pdf (abgerufen am 16.03.2018).
Die SSC wurden vor der endgültigen Erteilung des Produktionsauftrages umfangreichen Testreihen unterzogen, um die Widerstandsfähigkeit für den gesamten Transportweg auf allen Verkehrsträgern zu untersuchen. Hierbei wurden neben der Überprüfung der Dampfdichtheit auch Falltests, Tests zum Verhalten bei Kollisionen und Entgleisungen auf der Straße bzw. Schiene, Tests zum allgemeinen Verhalten bei horizontaler und vertikaler Bewegung sowie Überprüfungen der Seetauglichkeit durchgeführt. Auch das Verhalten der Behälter bei Feuer, Explosion, erhöhter Temperatur oder erhöhtem Druck wurde untersucht. Sämtliche Tests bestanden Material und Inhalt unbeschadet.United States General Accounting Office, DOD's Successful Effort to Remove U.S. Chemical Weapons From Germany, Februar 1991, S. 10. T. Ferguson in 59th Courier, Special Edition (Hrsg.: 59th Ordnance Brigade Office of Public Affairs), Pirmasens, 1990, S. 2f. D. B. Hill, Propagation and fire tests conducted on a secondary steel container designed for movement of chemical agent artillery projectiles, http://www.dtic.mil/dtic/tr/fulltext/u2/a521350.pdf (abgerufen am 16.03.2018). Im Rahmen der Testreihen konnte zudem die maximale Innenraumtemperatur auf lediglich 220 °F (ca. 104 °C) erhöht werden. Für die späteren Granaten wären jedoch erst
Außenansicht eines MILVAN. Container dieser Art werden vom US-Militär auch für normale Munitionstransporte genutzt.modifizierte Darstellung, entnommen aus globalsecurity.org, Army Field Manual 55-65. Appendix E, https://www.globalsecurity.org/military/library/policy/army/fm/55-65/appe.htm (abgerufen am 19.03.2018).
Temperaturen über 392 °F (ca. 200 °C) problematisch geworden.J. Owen, P. Davidson, Nerve gas safety plan explained, The Stars and Stripes, 09.03.1990.
Geschosse, welche die Bedingungen der U.S. Army für einen sicheren Transport nicht erfüllten und - z.B. aufgrund äußerer Beschädigungen wie Rost oder Kratzer in der Außenhaut - ein höheres Risiko für Leckagen aufwiesen, wurden in speziellen Single Round Containern (SRC; dt. Einzelgeschosscontainer) - transportiert. Hierbei handelte es sich jedoch lediglich um eine zusätzliche Sicherheitsmaßnahme, die rein technisch gesehen nicht notwendig gewesen wäre.T. Ferguson in 59th Courier, Special Edition (Hrsg.: 59th Ordnance Brigade Office of Public Affairs), Pirmasens, 1990, S. 2f.

Im Gegensatz hierzu gestaltete sich die Auswahl geeigneter MILVANs auf US-amerikanischer Seite schwieriger als erwartet. Hier waren bei einem Großteil der Container umfangreiche Reparaturen nötig, da ansonsten die Anforderungen des International Maritime Code for Dangerous Goods (IMDG) nicht erfüllt gewesen wären. Die Behälter hätten somit nicht auf dem Seeweg transportiert werden können. Für zusätzliche 1,4 Millionen US-Dollar - was etwa 4 400 US-Dollar pro Container entspricht - mussten die vorgesehenen Behälter daher erst ertüchtigt werden.United States General Accounting Office, DOD's Successful Effort to Remove U.S. Chemical Weapons From Germany, Februar 1991, S. 11-15.
Sowohl die neu entwickelten SSC als auch die bereits länger im Einsatz stehenden MILVANs waren mit speziellen Schnittstellen versehen, um den Innenraum durch Anschluss chemischer Detektionssysteme überwachen zu können.United States General Accounting Office, DOD's Successful Effort to Remove U.S. Chemical Weapons From Germany, Februar 1991, S. 10.

Die für den Straßentransport vorgesehenen Fahrzeuge wurden einer von Deutschen und Amerikanern gemeinsam durchgeführten Vollinspektion unterzogen. Hierbei wurden erkannte Mängel entweder sofort beseitigt oder das Fahrzeug nicht für den Einsatz im Rahmen der Transportaktion zugelassen. Diese Untersuchungen bezogen sich nicht nur auf die Zugmaschinen, sondern auch auf die Anhänger, welche später die Container transportieren sollten.T. Ferguson in 59th Courier, Special Edition (Hrsg.: 59th Ordnance Brigade Office of Public Affairs), Pirmasens, 1990, S. 6f.
Für den Transport von Clausen nach Buchholz/Miesau ausgewählte Fahrer wurden durch entsprechende Kräfte des US-Militärs einem intensiven Fahrtraining unterzogen und mussten ihre Kenntnisse sowohl in Theorie als auch in Praxis bis zum Beginn der Aktion durch regelmäßige Überprüfungen bestätigen. Zudem waren zusätzliche Ausbildungs- und Unterweisungseinheiten zum Transport von Gefahrgut im Allgemeinen vorgeschrieben. Sämtliche dieser Unterweisungen bzw. Nachweise waren für die Fahrer verpflichtend.T. Ferguson in 59th Courier, Special Edition (Hrsg.: 59th Ordnance Brigade Office of Public Affairs), Pirmasens, 1990, S. 6f.

Phase 1.2: Übungen zu jeder Phase der Transportaktion mit allen Beteiligten
Nach erfolgreichem Abschluss der Konstruktions- und Testphasen der Verpackungseinheiten schlossen sich umfangreiche Übungsläufe an. Dabei wurden alle Phasen der späteren Transportaktion theoretisch und praktisch durchgespielt. Hieran waren sämtliche Behörden, Organisationen, Stellen und Personen sowohl auf deutscher als auch auf US-amerikanischer Seite beteiligt, welche später auch für die eigentliche Transportaktion eingesetzt werden sollten. Nach Abschluss jeder Übungseinheit erhielten alle Beteiligten eine detaillierte Auswertung ihrer Leistung durch Sicherheitsexperten und die Leiter der Aktion.T. Ferguson in 59th Courier, Special Edition (Hrsg.: 59th Ordnance Brigade Office of Public Affairs), Pirmasens, 1990, S. 2f. Trainiert wurden bei dieser Übung jedoch nicht nur die Handgriffe der geplanten Aktionsteile, sondern z.B. auch das Verhalten in Notfällen sowie die Dekontamination von Mensch und Material.Dokucenter Ramstein, Operation Lindwurm. Eine öffentlich durchgeführte geheime Aktion, Begleitheft zur Ausstellung, 2010, http://www.dc-ramstein.de/de/publikationen?download=5:operation-lindwurm-eine-oeffentlich-durchgefuehrte-geheime-aktion (abgerufen am 15.03.2018). Im Bereich des Bahntransports wurden beispielsweise die Reaktionen bei einem Brand im bzw. am Zug, beim Betätigen der Notbremse sowie bei einem möglichen terroristischen Akt geprobt.F. Engbarth, Von der Ludwigsbahn zum integralen Taktfahrplan, 1. Auflage, Zweckverband SPNV Rheinland-Pfalz Süd, Kaiserslautern, 2007, S. 42.
Im Einzelnen können die Beteiligten an der gesamten Aktion auf beiden Seiten wie folgt aufgeschlüsselt werden (Die Quellenangaben am Überpunkt beziehen sich auf alle Unterpunkte. Zusätzliche Quellenangaben an einzelnen Unterpunkten beziehen sich auf diese selbst sowie alle diesen Punkten untergeordneten Punkte.).
  • Bundesrepublik DeutschlandDokucenter Ramstein, Operation Lindwurm. Eine öffentlich durchgeführte geheime Aktion, Begleitheft zur Ausstellung, 2010, http://www.dc-ramstein.de/de/publikationen?download=5:operation-lindwurm-eine-oeffentlich-durchgefuehrte-geheime-aktion (abgerufen am 15.03.2018).
    • Deutsche Bundesbahn: Hauptverantwortung für den Schienentransport
      • Bundesbahndirektion Saarbrücken
      • Bundesbahndirektion Karlsruhe
      • Bundesbahndirektion Frankfurt (Main)
      • Bundesbahndirektion Hannover
      • Bundesbahndirektion Köln
      • Bundesbahndirektion Essen
      • Bundesbahndirektion Wuppertal
    • Landespolizeien der Bundesländer: Sicherung der Transportroute des Straßentransports
    • Bundesgrenzschutz: Sicherungsaufgaben, Begleitung des Zuges
    • Bahnpolizei: Sicherung der Bahnanlagen und Schienenwege sowie der Überwege, Unterführungen und Bahnsteige; Bewachung der abgestellten Wagen während der Unterbrechungen zwischen einzelnen Transporten; Begleitung des Zuges; Gesamteinsatzleitung auf deutscher SeiteT. Steidl, Großeinsatz der Bahnpolizei - Transportauftrag: "Aktion Lindwurm", http://bahnpolizeiderdb.de.tl/Bahnpolizeieinsatz--g-Aktion-Lindwurm-g-.htm (abgerufen am 15.03.2018)
      • Bundesbahndirektion Saarbrücken
      • Bundesbahndirektion Nürnberg
      • Bundesbahndirektion Essen
      • Bundesbahndirektion München
      • Bundesbahndirektion Hamburg
      • Bundesbahndirektion Köln
      • Bundesbahndirektion Frankfurt (Main)
      • Bundesbahndirektion Karlsruhe
    • Bundeswehr: begrenzte Unterstützung der übrigen Organisationen bei der Transportsicherung als Amtshilfe nach Artikel 35 Grundgesetz, chemische Überwachung, medizinische und feuerwehrtechnische Unterstützungsaufgaben; Einweisung anderer Beteiligter im Hinblick auf ABC-SchutzT. Steidl, Großeinsatz der Bahnpolizei - Transportauftrag: "Aktion Lindwurm", http://bahnpolizeiderdb.de.tl/Bahnpolizeieinsatz--g-Aktion-Lindwurm-g-.htm (abgerufen am 16.03.2018); Unterstützung mit Fachwissen bei der Verladung in ClausenT. Ferguson in 59th Courier, Special Edition (Hrsg.: 59th Ordnance Brigade Office of Public Affairs), Pirmasens, 1990, S. 3.
    • Feuerwehren
    • Katastrophenschutz
    • Sanitätsdienste
  • Vereinigte Staaten von AmerikaUnited States General Accounting Office, DOD's Successful Effort to Remove U.S. Chemical Weapons From Germany, Februar 1991, S. 8-10.
    • U.S. Army: Hauptverantwortung für die gesamte Transportaktion, Aufbau der Chemical Retrograde Task Force zur Koordinierung der Transportaufgaben
    • U.S. Army Headquarters Europe: Planung und Ausführung des Transports innerhalb WestdeutschlandsT. Ferguson in 59th Courier, Special Edition (Hrsg.: 59th Ordnance Brigade Office of Public Affairs), Pirmasens, 1990, S. 3.
      Es ist anzunehmen, dass die genannten Einheiten für die Dauer ihres Einsatzes dem U.S. Army Headquarters Europe unterstellt waren, sofern es sich um Einheiten aus Übersee handelte.
      • 59th Ordnance Brigade
      • 3rd Ordnance Batallion
      • 330th Ordnance Company: Hauptverantwortung für die (Ver-)Ladearbeiten in Clausen
      • 110th Military Police Company: Sicherungsdienste während der Transportphase (Phase 2)
      • 763rd Medical Detachment
      • 98th Chemical Detachment
      • 76th Transportation Company, 37th Transportation Command
    • U.S. Army Western Command (später U.S. Army Pacific Command): Planung und Ausführung der Aktivitäten auf dem Johnston-Atoll
    • U.S. Navy Military Sealift Command: Koordinierung des Seetransports auf militärischer Seite, Bereitstellung der zum Transport genutzten Schiffe SS Gopher State und SS Flickertail State
    • U.S. Department of Transportation Maritime Administration: Koordinierung des Seetransports auf ziviler Seite
    • U.S. Army Armament, Munitions and Chemical Command: Entwicklung der Transportbehälter
    • U.S. Navy Surface Weapons Center: Entwicklung spezieller Schutzsysteme für die Transportschiffe
    • U.S. Army Chemical Research, Development and Engineering Center: Entwicklung der Detektions- und Überwachungssysteme
    • U.S. Navy Atlantic Command/U.S. Navy Pacific Command: Eskortierung des Seetransports
    • U.S. Navy Medical TeamT. Ferguson in 59th Courier, Special Edition (Hrsg.: 59th Ordnance Brigade Office of Public Affairs), Pirmasens, 1990, S. 10.
    • U.S. Army Defense Ammunition Center and School: Entwicklung der SSC-Behältnisse
    • U.S. Army Technical Escort Unit: Bereitstellung von Fachwissen zur Entsorgung chemischer Kampfstoffe über den gesamten Operationszeitraum von der Vorbereitung bis zur EntsorgungT. Ferguson, J. Deniston in 59th Courier, Special Edition (Hrsg.: 59th Ordnance Brigade Office of Public Affairs), Pirmasens, 1990, S. 5.
    • Krankenhäuser der U.S. Army in Westdeutschland
    • Emergency Response Teams der jeweiligen Standorte in Clausen, Miesau und Nordenham sowie auf dem Johnston-Atoll und während der einzelnen Transportphasen
    • Feuerwerker und KampfmittelräumerT. Ferguson in 59th Courier, Special Edition (Hrsg.: 59th Ordnance Brigade Office of Public Affairs), Pirmasens, 1990, S. 6f.
    • Naval Embarkment Advisory TeamT. Ferguson in 59th Courier, Special Edition (Hrsg.: 59th Ordnance Brigade Office of Public Affairs), Pirmasens, 1990, S. 10.
Im Rahmen der Übungen erwarben die Beteiligten die für ihren Zuständigkeitsbereich nötigen Fach- und Sachkenntnisse im Hinblick auf Gefahren und Umgang mit chemischen Gefahrstoffen, der Besonderheiten der genutzten Transportmethoden und -techniken sowie die Behandlung von Kontamination von Mensch und Material mit den entsprechenden Gegenmitteln bzw. Gegenmaßnahmen.T. Ferguson in 59th Courier, Special Edition (Hrsg.: 59th Ordnance Brigade Office of Public Affairs), Pirmasens, 1990, S. 3.
Mit Abschluss der Übungen konnte der Beginn des Abtransports auf den 26. Juni 1990 festgelegt werden.T. Ferguson in 59th Courier, Special Edition (Hrsg.: 59th Ordnance Brigade Office of Public Affairs), Pirmasens, 1990, S. 2f. und S. 4. Bis zum Beginn des Straßentransports wurden noch weitere Probeläufe auf den jeweils vorgesehenen Transportstrecken durchgeführt.

Phase 2: Transportaktion
Den Kern der eigentlichen Transportaktion bilden die Verpackung und Verladung in Clausen, der Transport über die Straße nach Buchholz/Miesau, der Transport per Bahn nach Nordenham und letztlich der Seetransport von Nordenham über SüdamerikaUnited States General Accounting Office, DOD's Successful Effort to Remove U.S. Chemical Weapons From Germany, Februar 1991, S. 9. zum Johnston-Atoll.
Vor Beginn der Verpackungs- und Verladearbeiten in Clausen wurden die vom Transport angefahrenen Stationen sicherheitstechnisch aufgerüstet. So erhielt beispielsweise das Depot in Clausen zusätzliche ZaunanlagenJ. Owen, P. Davidson, Nerve gas safety plan explained, The Stars and Stripes, 09.03.1990. sowie neue BlitzschutzeinrichtungenDokucenter Ramstein, Operation Lindwurm. Eine öffentlich durchgeführte geheime Aktion, Begleitheft zur Ausstellung, 2010, http://www.dc-ramstein.de/de/publikationen?download=5:operation-lindwurm-eine-oeffentlich-durchgefuehrte-geheime-aktion (abgerufen am 16.03.2018).. Darüber hinaus wurde eine stärkere Beleuchtungsanlage sowie eine Messanlage zur Überwachung der Umgebungsluft installiert.Dokucenter Ramstein, Operation Lindwurm. Eine öffentlich durchgeführte geheime Aktion, Begleitheft zur Ausstellung, 2010, http://www.dc-ramstein.de/de/publikationen?download=5:operation-lindwurm-eine-oeffentlich-durchgefuehrte-geheime-aktion (abgerufen am 16.03.2018). Weiterhin wurde für die Dauer der Transportaktion von Juli bis September ein Überflugverbot über die Ver- und Umladeanlagen in Clausen, Buchholz/Miesau und Nordenham für Flughöhen unterhalb 1 985 Fuß - entsprechend ca. 605 Meter - erlassen. Der rheinland-pfälzische Innenminister Rudi Geil forderte in diesem Zusammenhang ein Überflugverbot für die in Rheinland-Pfalz liegenden Lagerstätten bereits weit vor dem eigentlichen Beginn der Aktion, was jedoch von Seiten des US-Militärs mit Verweis auf die ausreichenden Sicherheitsvorkehrungen der zur Lagerung der Granaten genutzten "Betoniglus" abgelehnt wurde.J. Owen, P. Davidson, Nerve gas safety plan explained, The Stars and Stripes, 09.03.1990.

Phase 2.1: Verpackung und Verladung in Clausen
Die Verpackung der einzelnen Granaten begann ab dem 26. Juni 1990. Hier erfolgte zunächst das Einsetzen der Geschosse in die speziellen Holzverschalungen, woran sich die Verladung in die bereitgestellten SSC anschloss. Diese wurden nach erfolgter Stabilisierung und Versiegelung in die bereitgestellten MILVANs verladen. Danach erfolgte eine erneute Stabilisierung innerhalb der MILVANs, um ein Verrutschen oder die Beschädigung der Ladung zu verhindern. Anschließend wurden auch die MILVANs versiegelt. Während pro SSC nur eine Palette mit Granaten verladen werden konnte, fasste ein MILVAN bis zu zehn SSC.United States General Accounting Office, DOD's Successful Effort to Remove U.S. Chemical Weapons From Germany, Februar 1991, S. 10.


SSC, beladen mit jeweils einer Palette.modifizierte Darstellung, entnommen aus D. B. Hill, Propagation and fire tests conducted on a secondary steel container designed for movement of chemical agent artillery projectiles, http://www.dtic.mil/dtic/tr/fulltext/u2/a521350.pdf (abgerufen am 16.03.2018).
Schnitt durch einen beladenen MILVAN.modifizierte Darstellung, entnommen aus D. B. Hill, Propagation and fire tests conducted on a secondary steel container designed for movement of chemical agent artillery projectiles, http://www.dtic.mil/dtic/tr/fulltext/u2/a521350.pdf (abgerufen am 16.03.2018).


Die Beladung der Container erfolgte dabei so, dass ein möglicherweise detonierender Behälter die übrigen Gefäße nicht beeinflussen sollte.ohne Autor, Removal of nerve gas scheduled, The Stars and Stripes, 08.03.1990.
Zunächst wurden über einen Zeitraum von vier Wochen lediglich Verpackungsarbeiten durchgeführt. Die transportbereiten MILVANs wurden dann in Clausen gelagert, bevor sie ab dem 26. Juli 1990 verladen und per Straße nach Buchholz/Miesau transportiert wurden.J. Owen, P. Davidson, Nerve gas safety plan explained, The Stars and Stripes, 09.03.1990. Der erste Transport beförderte 3 500 Granaten in acht Containern.J. B. Tucker, War of Nerves. Chemical Warfare from World War I to Al-Qaeda, 1. Aufl., Pantheon Books, New York, 2006, S. 296.

Phase 2.2: Straßentransport nach Miesau
Im Vorfeld des Transports über die Straße wurden zur Sicherung der Transportwege etwa 10 000 Polizeibeamte der Bereitschaftspolizei Rheinland-Pfalz sowie aus dem übrigen Bundesgebiet in die Region um Clausen beordert.T. Ferguson in 59th Courier, Special Edition (Hrsg.: 59th Ordnance Brigade Office of Public Affairs), Pirmasens, 1990, S. 6f. Das Transportkonzept sah zudem vor, dass bei Gewitter und starkem Wind keine Fahrten stattfinden sollten.J. Owen, P. Davidson, Nerve gas safety plan explained, The Stars and Stripes, 09.03.1990.
Als mögliche Transportrouten wurden zunächst die drei Autobahnen 6, 8 und 62 in Betracht gezogen. Die erste Route sah dabei eine etwa 40 Kilometer lange Strecke über die noch nicht fertiggestellte A 62 bis zum Kreuz Landstuhl und ab dort weiter über die A 6 zur Anschlussstelle Bruchmühlbach-Miesau vor. Da die A 62 zum Zeitpunkt des Transports zwischen dem Hörnchenbergtunnel und dem Kreuz Landstuhl noch nicht fertiggestellt war, musste ein provisorischer Schotterbelag aufgebracht werden.ohne Autor, Removal of nerve gas scheduled, The Stars and Stripes, 08.03.1990. Dokucenter Ramstein, Operation Lindwurm. Eine öffentlich durchgeführte geheime Aktion, Begleitheft zur Ausstellung, 2010, http://www.dc-ramstein.de/de/publikationen?download=5:operation-lindwurm-eine-oeffentlich-durchgefuehrte-geheime-aktion (abgerufen am 16.03.2018).
Die zweite Strecke war mit knapp 60 Kilometern deutlich länger und führte ab Thaleischweiler-Fröschen über die A 8 zum Kreuz Neunkirchen, wo auf die A 6 gewechselt wurde. Diese wurde ebenfalls an der Anschlussstelle Bruchmühlbach-Miesau wieder verlassen werden.ohne Autor, Removal of nerve gas scheduled, The Stars and Stripes, 08.03.1990. Als Alternative zu den beiden Routen wurde schließlich noch die Strecke über die B 270 nach Kaiserslautern zum Kreuz Kaiserslautern West und ab dort auf der A 6 zur Anschlussstelle Bruchmühlbach-Miesau vorgesehen.Dokucenter Ramstein, Operation Lindwurm. Eine öffentlich durchgeführte geheime Aktion, Begleitheft zur Ausstellung, 2010, http://www.dc-ramstein.de/de/publikationen?download=5:operation-lindwurm-eine-oeffentlich-durchgefuehrte-geheime-aktion (abgerufen am 16.03.2018). Die nachfolgende Darstellungeigene Darstellung. In Rot ist die für alle Transporte genutzte Strecke dargestellt, in Grün und Blau die beiden Ausweichstrecken über A 8 bzw. B 270. Die Bezeichnungen der Straßen entsprechen der heutigen Nummerierung.
OpenStreetMap-Mitwirkende. Lizenziert unter CC-BY-SA 2.0.
gibt einen Überblick über die verschiedenen vorgesehenen Straßentransportrouten.


Für den Straßentransport waren 30 Tage eingeplant, wobei pro Wochentag ein Transport stattfinden sollte.ohne Autor, Removal of nerve gas scheduled, The Stars and Stripes, 08.03.1990. J. B. Tucker, War of Nerves. Chemical Warfare from World War I to Al-Qaeda, 1. Aufl., Pantheon Books, New York, 2006, S. 296. Letztlich konnte der Transport bereits in 28 Tagen abgeschlossen werdenT. Ferguson in 59th Courier, Special Edition (Hrsg.: 59th Ordnance Brigade Office of Public Affairs), Pirmasens, 1990, S. 6f. F. Engbarth, Von der Ludwigsbahn zum integralen Taktfahrplan, 1. Auflage, Zweckverband SPNV Rheinland-Pfalz Süd, Kaiserslautern, 2007, S. 41., sodass bereits Ende August sämtliche 437 Tonnen an chemischem Kampfstoff in Miesau angekommen warenJ. B. Tucker, War of Nerves. Chemical Warfare from World War I to Al-Qaeda, 1. Aufl., Pantheon Books, New York, 2006, S. 296..
Die einzelnen Transportkonvois bestanden aus insgesamt 70ohne Autor, Removal of nerve gas scheduled, The Stars and Stripes, 08.03.1990. J. Owen, P. Davidson, Nerve gas safety plan explained, The Stars and Stripes, 09.03.1990.- andere Quellen sprechen von 79J. B. Tucker, War of Nerves. Chemical Warfare from World War I to Al-Qaeda, 1. Aufl., Pantheon Books, New York, 2006, S. 296. oder 80T. Ferguson in 59th Courier, Special Edition (Hrsg.: 59th Ordnance Brigade Office of Public Affairs), Pirmasens, 1990, S. 6f. - Fahrzeugen. Davon waren 20 Fahrzeuge Lastwagen mit jeweils einem Munitionscontainer, die übrigen Fahrzeuge beförderten das Begleitpersonal wie Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienste sowie die Dekontaminationsmannschaften.T. Ferguson in 59th Courier, Special Edition (Hrsg.: 59th Ordnance Brigade Office of Public Affairs), Pirmasens, 1990, S. 6f. J. B. Tucker, War of Nerves. Chemical Warfare from World War I to Al-Qaeda, 1. Aufl., Pantheon Books, New York, 2006, S. 296.
Vor dem Start eines Transports wurden alle Strecken am Morgen durch deutsche Polizeikräfte abgefahren und kontrolliert. Welche Route der Transport tatsächlich nutzen sollte, wurde jeweils erst kurz vor dem Start bekanntgegeben. Die Lage an den einzelnen Transporttagen erlaubte es letztlich, alle Konvois über A 62 und A 6 nach Miesau zu führen, sodass die Ausweichstrecken nur während einiger Übungsläufe genutzt wurden.Dokucenter Ramstein, Operation Lindwurm. Eine öffentlich durchgeführte geheime Aktion, Begleitheft zur Ausstellung, 2010, http://www.dc-ramstein.de/de/publikationen?download=5:operation-lindwurm-eine-oeffentlich-durchgefuehrte-geheime-aktion (abgerufen am 16.03.2018). Abfahrt in Clausen war jeweils für 08.00 Uhr am Morgen angesetzt. Nach einer Fahrzeit von etwa zweieinhalb Stunden sollte das U.S. Army-Depot Reserve Storage Activity bei Miesau erreicht sein.J. B. Tucker, War of Nerves. Chemical Warfare from World War I to Al-Qaeda, 1. Aufl., Pantheon Books, New York, 2006, S. 296.
Für die Fahrt durch die Ortschaften galten besondere Sicherheitsvorkehrungen. Die Bürgersteige mussten währenddessen beispielsweise komplett leer sein. Dies schloss sowohl Autos als auch Müll- oder sonstige Abfalltonnen bzw. -gefäße ein. Vereinzelt mussten aus diesem Grund Müllabfuhrtermine verschoben werden.Dokucenter Ramstein, Operation Lindwurm. Eine öffentlich durchgeführte geheime Aktion, Begleitheft zur Ausstellung, 2010, http://www.dc-ramstein.de/de/publikationen?download=5:operation-lindwurm-eine-oeffentlich-durchgefuehrte-geheime-aktion (abgerufen am 16.03.2018). Die durch den Transport befahrenen Landes- und Bundesstraßen waren währenddessen für den normalen Verkehr voll gesperrt. Gleiches galt für die Autobahnrichtungsspuren, auf denen sich der Transport bewegte.T. Ferguson in 59th Courier, Special Edition (Hrsg.: 59th Ordnance Brigade Office of Public Affairs), Pirmasens, 1990, S. 6f. Der Gegenverkehr auf den Autpbahnen wurde auf eine Geschwindigkeit von 60 km/h reduziertDokucenter Ramstein, Operation Lindwurm. Eine öffentlich durchgeführte geheime Aktion, Begleitheft zur Ausstellung, 2010, http://www.dc-ramstein.de/de/publikationen?download=5:operation-lindwurm-eine-oeffentlich-durchgefuehrte-geheime-aktion (abgerufen am 16.03.2018). und durch Militär- und Polizeifahrzeuge eskortiertT. Ferguson in 59th Courier, Special Edition (Hrsg.: 59th Ordnance Brigade Office of Public Affairs), Pirmasens, 1990, S. 6f., während sich der Transport innerhalb geschlossener Ortschaften außerhalb der Autobahnen nur mit etwa 10 km/h, auf den Autobahnen mit knapp 30 km/h bewegteJ. B. Tucker, War of Nerves. Chemical Warfare from World War I to Al-Qaeda, 1. Aufl., Pantheon Books, New York, 2006, S. 296.. Die langsame Geschwindigkeit des knapp acht KilometerJ. B. Tucker, War of Nerves. Chemical Warfare from World War I to Al-Qaeda, 1. Aufl., Pantheon Books, New York, 2006, S. 296. langen Konvois mag sicherlich auch als ein Grund für die auf deutscher Seite genutzte Bezeichnung "Lindwurm" gelten.
Neben dem bereits erwähnten Überflugverbot für sämtliche Maschinen während der Transportphase wurde der Straßentransport durch zwei PolizeihubschrauberJ. B. Tucker, War of Nerves. Chemical Warfare from World War I to Al-Qaeda, 1. Aufl., Pantheon Books, New York, 2006, S. 296. begleitet, die in sicherer Entfernung die Strecke sicherten.Dokucenter Ramstein, Operation Lindwurm. Eine öffentlich durchgeführte geheime Aktion, Begleitheft zur Ausstellung, 2010, http://www.dc-ramstein.de/de/publikationen?download=5:operation-lindwurm-eine-oeffentlich-durchgefuehrte-geheime-aktion (abgerufen am 16.03.2018). Nach der Ankunft in Miesau wurden die Container abgeladen und für den Weitertransport per Bahn zunächst eingelagert.

Phase 2.3: Bahntransport von Miesau nach Nordenham
Der Transport der Munition von Miesau quer durch Deutschland nach Nordenham stellte die Bundesbahn vor besondere logistische Herausforderungen, welche im Rahmen von interdisziplinären Arbeitskreisen - mit Mitgliedern der Bundeswehr, der deutschen Polizei sowie US-amerikanischer Militärangehöriger - besprochen wurden. Zum einen musste auf mögliche Oberleitungsstörungen flexibel reagiert werden, sodass Elektroloks für die Bespannung der Züge ausschieden. Man entschied sich letztlich dazu, die Züge mit zwei Lokomotiven der Baureihe 218 zu bespannen. Dabei sollten zwischen Miesau und Kassel Maschinen des Bw Kaiserslautern, ab Kassel Loks des Bw Hagen zum Einsatz kommen.F. Engbarth, Von der Ludwigsbahn zum integralen Taktfahrplan, 1. Auflage, Zweckverband SPNV Rheinland-Pfalz Süd, Kaiserslautern, 2007, S. 41. Zusätzlich verboten die sicherheitstechnischen Vorgaben den Einsatz von Elektrolokomotiven.K.-D. Holzborn, eisenbahn magazin 1990, 11, S. 18. Hierzu wurden dem Bw Kaiserslautern leihweise Maschinen aus den Direktionen Karlsruhe, München und Nürnberg zugeteilt.F. Engbarth, Von der Ludwigsbahn zum integralen Taktfahrplan, 1. Auflage, Zweckverband SPNV Rheinland-Pfalz Süd, Kaiserslautern, 2007, S. 41.
Eine weitere Herausforderung bei der Planung bestand darin, dass für die Züge ein Begegnungsverbot mit lademaßüberschreitenden Zügen und solchen mit Gefahrgutbeförderung erlassen wurde. Dementsprechend mussten die Fahrpläne so angepasst werden, dass möglichst ein Halt vermieden wird, aber gleichzeitig auch keine direkten Begegnungen stattfinden. Neben diesen Restriktionen durften Rangiermanöver auf den Unterwegsbahnhöfen nur unter bestimmten Voraussetzungen stattfinden.F. Engbarth, Von der Ludwigsbahn zum integralen Taktfahrplan, 1. Auflage, Zweckverband SPNV Rheinland-Pfalz Süd, Kaiserslautern, 2007, S. 42.
Weiterhin war die Frage nach der betrieblichen und sicherheitstechnischen Durchführung des Transports zu stellen. Hier entschied man sich in Absprache mit den militärischen und zivilen Organisationsstellen, zwei Munitionszüge sowie einen Begleitzug einzusetzen.F. Engbarth, Von der Ludwigsbahn zum integralen Taktfahrplan, 1. Auflage, Zweckverband SPNV Rheinland-Pfalz Süd, Kaiserslautern, 2007, S. 41. Während der Munitionszug die Container mit den Granaten befördern sollte, war im Begleitzug das Begleitpersonal - bestehend aus amerikanischen und deutschen Soldaten, Beamten der Bahnpolizei, des Bundesgrenzschutzes und Sanitätspersonal - untergebracht.T. Ferguson in 59th Courier, Special Edition (Hrsg.: 59th Ordnance Brigade Office of Public Affairs), Pirmasens, 1990, S. 8. Weiterhin beförderte der Begleitzug spezielle ABC-Spürpanzer der Bundeswehr.K.-D. Holzborn, eisenbahn magazin 1990, 11, S. 18. Die Abfahrt der Züge in Miesau sollte gegen 17.00 Uhr erfolgen, sodass nach etwa zehn bis zwölf Stunden Fahrt gegen 05.00 Uhr am Morgen der Midgard-Hafen in Nordenham erreicht wurde.F. Engbarth, Von der Ludwigsbahn zum integralen Taktfahrplan, 1. Auflage, Zweckverband SPNV Rheinland-Pfalz Süd, Kaiserslautern, 2007, S. 41f.
Die entladenen Munitionszüge sowie der Begleitzug wurden als Leerzüge von Nordenham zurück nach Einsiedlerhof überführt. Die sechs Zugloks traten als Lokzug unter der Nummer Lz 83785K.-D. Holzborn, eisenbahn magazin 1990, 11, S. 18. den Rückweg an. Dies erforderte eine gründliche Überprüfung der zu befahrenden Strecken im Hinblick auf ihre maximal zulässige Achslast, jedoch immer unter der Maxime, das Sicherheitsrisiko für die Umgebung so gering wie möglich zu halten.F. Engbarth, Von der Ludwigsbahn zum integralen Taktfahrplan, 1. Auflage, Zweckverband SPNV Rheinland-Pfalz Süd, Kaiserslautern, 2007, S. 42.
Es wurden insgesamt detaillierte Fahrpläne für drei Routen, als "Route rot", "Route grün" und "Route blau" bezeichnet, ausgearbeitet. "Route rot" war dabei die priorisierte Strecke, die beiden anderen - die jeweils durch das dicht besiedelte Ruhrgebiet führten - sollten nur im Ausnahme- bzw. Notfall genutzt werden.F. Engbarth, Von der Ludwigsbahn zum integralen Taktfahrplan, 1. Auflage, Zweckverband SPNV Rheinland-Pfalz Süd, Kaiserslautern, 2007, S. 41. Dokucenter Ramstein, Operation Lindwurm. Eine öffentlich durchgeführte geheime Aktion, Begleitheft zur Ausstellung, 2010, http://www.dc-ramstein.de/de/publikationen?download=5:operation-lindwurm-eine-oeffentlich-durchgefuehrte-geheime-aktion (abgerufen am 16.03.2018). T. Ferguson in 59th Courier, Special Edition (Hrsg.: 59th Ordnance Brigade Office of Public Affairs), Pirmasens, 1990, S. 8. Die drei möglichen Transportwege wurden im Verkehrsfunk bekanntgegeben, sodass sich an den jeweiligen Transporttagen entlang der Strecke häufig Schaulustige einfanden.F. Engbarth, Von der Ludwigsbahn zum integralen Taktfahrplan, 1. Auflage, Zweckverband SPNV Rheinland-Pfalz Süd, Kaiserslautern, 2007, S. 42f.Entgegen anderen Quellen spricht Ferguson nur von zwei möglichen Strecken.
Die nachfolgende schematische Darstellungeigene Darstellung nach Dokucenter Ramstein, Operation Lindwurm. Eine öffentlich durchgeführte geheime Aktion, Begleitheft zur Ausstellung, 2010, http://www.dc-ramstein.de/de/publikationen?download=5:operation-lindwurm-eine-oeffentlich-durchgefuehrte-geheime-aktion (abgerufen am 16.03.2018), und F. Engbarth, Von der Ludwigsbahn zum integralen Taktfahrplan, 1. Auflage, Zweckverband SPNV Rheinland-Pfalz Süd, Kaiserslautern, 2007, S. 41. zeigt die möglichen Routen, ihrer zugeordneten Farbe entsprechend eingefärbt.


Der Bahntransport nach Nordenham sollte in sechs aufeinanderfolgenden Fahrten durchgeführt werdenT. Ferguson in 59th Courier, Special Edition (Hrsg.: 59th Ordnance Brigade Office of Public Affairs), Pirmasens, 1990, S. 8., beginnend am 12. September 1990F. Engbarth, Von der Ludwigsbahn zum integralen Taktfahrplan, 1. Auflage, Zweckverband SPNV Rheinland-Pfalz Süd, Kaiserslautern, 2007, S. 42.. Die drei Züge sollten dabei direkt hintereinander verkehren.F. Engbarth, Von der Ludwigsbahn zum integralen Taktfahrplan, 1. Auflage, Zweckverband SPNV Rheinland-Pfalz Süd, Kaiserslautern, 2007, S. 42. Ähnlich wie zuvor in Phase 2.2 wurden die einzelnen Routen in Phase 2.3 erst kurz vor Abfahrt durch die Verantwortlichen festgelegt.T. Ferguson in 59th Courier, Special Edition (Hrsg.: 59th Ordnance Brigade Office of Public Affairs), Pirmasens, 1990, S. 8. Der letzte Transport war in der Nacht vom 18. auf den 19. September 1990 geplant.K.-D. Holzborn, eisenbahn magazin 1990, 11, S. 18.
Die einzelnen Züge führten an jedem Transporttag dieselben durchlaufenden Nummern, nämlich Dgm 99011, Dgm 99012 und Dgm 99013. Den Munitionszügen waren dabei die Nummern 99011 und 99012, dem jeweiligen Begleitzug die Nummer 99013 zugeordnet.K.-D. Holzborn, eisenbahn magazin 1990, 11, S. 18. Weiterhin wiesen sie an allen Transporttagen die gleiche Zugbildung auf: Den Zugloks folgten zwei Reisezugwagen mit militärischem und polizeilichem Begleitpersonal. Daran schloss sich ein spezieller Beobachtungswagen der Gattung Pwg mit erhöhter Beobachtungskanzel an. Es folgte ein Flachwagen mit einem Begleitfahrzeug, gefolgt von zehn Containerwagen mit je zwei Containern. Hieran schlossen sich ein weiterer Reisezugwagen sowie ein weiterer Güterwagen an, auf die ein weiterer Flachwagen mit einem Begleitfahrzeug der Feuerwehr folgte. Danach waren weitere zehn beladene Containerwagen eingereiht. Als Schlussläufer folgten nochmals zwei Reisezugwagen mit Begleitpersonal.F. Engbarth, Von der Ludwigsbahn zum integralen Taktfahrplan, 1. Auflage, Zweckverband SPNV Rheinland-Pfalz Süd, Kaiserslautern, 2007, S. 42f. Die so gebildeten Züge kamen insgesamt auf 29 Wagen mit einem Gesamtgewicht von rund 1600 TonnenK.-D. Holzborn, eisenbahn magazin 1990, 11, S. 18.
Der Autor spricht von 30 Wagen, was jedoch aufgrund der detaillierten Beschreibung der Zugbildung in der an entsprechender Stelle genannten Quelle bezweifelt werden muss.
bei einer Gesamtlänge von etwa 650 MeternT. Steidl, Großeinsatz der Bahnpolizei - Transportauftrag: "Aktion Lindwurm", http://bahnpolizeiderdb.de.tl/Bahnpolizeieinsatz--g-Aktion-Lindwurm-g-.htm (abgerufen am 15.03.2018)
218 383 und 218 372 am 16.09.1990 in Limburgerhof.Aufnahme Detlef Hanschke, Sammlung P. Scherer
Der Begleitzug bestand aus mehreren speziell umgebauten ReisezugwagenF. Engbarth, Von der Ludwigsbahn zum integralen Taktfahrplan, 1. Auflage, Zweckverband SPNV Rheinland-Pfalz Süd, Kaiserslautern, 2007, S. 43., welche zum Teil auch als Sanitäts- bzw. Lazarettwagen genutzt werden konntenT. Steidl, Großeinsatz der Bahnpolizei - Transportauftrag: "Aktion Lindwurm", http://bahnpolizeiderdb.de.tl/Bahnpolizeieinsatz--g-Aktion-Lindwurm-g-.htm (abgerufen am 15.03.2018) und auch für die technischen Anforderungen dieser Transportaufgabe ausgerüstet waren, z.B. durch entsprechende TelekommunikationseinrichtungenF. Engbarth, Von der Ludwigsbahn zum integralen Taktfahrplan, 1. Auflage, Zweckverband SPNV Rheinland-Pfalz Süd, Kaiserslautern, 2007, S. 43.. Zudem waren mehrere Packwagen (Gattung MD) mit speziellen Einsatzfahrzeugen der Bundeswehr und ziviler Kräfte sowie beladene Flachwagen eingereiht.F. Engbarth, Von der Ludwigsbahn zum integralen Taktfahrplan, 1. Auflage, Zweckverband SPNV Rheinland-Pfalz Süd, Kaiserslautern, 2007, S. 43. Er wies eine Länge von etwa 550 Metern auf.T. Steidl, Großeinsatz der Bahnpolizei - Transportauftrag: "Aktion Lindwurm", http://bahnpolizeiderdb.de.tl/Bahnpolizeieinsatz--g-Aktion-Lindwurm-g-.htm (abgerufen am 15.03.2018)
Ähnlich wie die Transporttage in Phase 2.2 ähnelten sich in Phase 2.3 die einzelnen Fahrtage. Die beiden Munitionszüge sowie die Garnituren der Begleitzüge wurden jeweils im Rangierbahnhof Einsiedlerhof hinterstellt und bewacht. Hier folgte auch die Vorbereitung für die Abfahrt am frühen Abend. Anschließend folgte der Transport zum US Army-Depot in Miesau/Buchholz, wo die Wagen beladen wurden.T. Steidl, Großeinsatz der Bahnpolizei - Transportauftrag: "Aktion Lindwurm", http://bahnpolizeiderdb.de.tl/Bahnpolizeieinsatz--g-Aktion-Lindwurm-g-.htm (abgerufen am 15.03.2018). Die Abfahrt dort erfolgte - wie bereits erwähnt - gegen 17.00 Uhr. Das Depot ist über ein Anschlussgleis an den Bahnhof Hauptstuhl und an die Strecke Saarbrücken Hbf - Mannheim Hbf angebunden. Als Rangierfahrt erfolgte die Fahrt daher zunächst bis nach Hauptstuhl, wo die Rangierfahrt in eine Zugfahrt überging. Die Fahrt führte zunächst nach Einsiedlerhof, wo sich nach Durchfahrt der beiden Munitionszüge der Begleitzug anschloss.Dokucenter Ramstein, Operation Lindwurm. Eine öffentlich durchgeführte geheime Aktion, Begleitheft zur Ausstellung, 2010, http://www.dc-ramstein.de/de/publikationen?download=5:operation-lindwurm-eine-oeffentlich-durchgefuehrte-geheime-aktion (abgerufen am 16.03.2018). Die Fahrt führte dann je nach gewählter Route (siehe Abbildung oben) weiter nach Nordenham. Für den Fall, dass Route "blau" zu befahren gewesen wäre, hätte in Einsiedlerhof vor der Weiterfahrt ein Fahrtrichtungswechsel stattfinden müssen.
Da von Miesau aus jeweils nur ein Zug das Anschlussgleis befahren kann, war ein Führen der Züge in unmittelbarem Blockabstand nicht möglich. Daher erstreckte sich die Dauer von der Durchfahrt des ersten bis zur Durchfahrt des dritten Zuges, z.B. an einem Bahnhof oder an einem anderen Wegpunkt der Strecke, auf bis zu 30 Minuten.T. Ferguson in 59th Courier, Special Edition (Hrsg.: 59th Ordnance Brigade Office of Public Affairs), Pirmasens, 1990, S. 8f. Exemplarische Durchfahrzeiten liefert Steidl für den Bahnhof EinsiedlerhofT. Steidl, Großeinsatz der Bahnpolizei - Transportauftrag: "Aktion Lindwurm", http://bahnpolizeiderdb.de.tl/Bahnpolizeieinsatz--g-Aktion-Lindwurm-g-.htm (abgerufen am 15.03.2018).:
  • Zug 1: 17.30 Uhr
  • Zug 2: 17.38 Uhr
  • Begleitzug: 17.48 Uhr
Aufgrund des Zuggewichts, der Länge und der Fracht wurde die Geschwindigkeit der Züge auf 90 km/h begrenzt.T. Ferguson in 59th Courier, Special Edition (Hrsg.: 59th Ordnance Brigade Office of Public Affairs), Pirmasens, 1990, S. 8f. Deutsche Bundesbahn, Geschwindigkeitsheft 4705. Transportauftrag "LINDWURM", gültig vom 10.09.1990 bis 30.09.1990 Der nachfolgende Ausschnitteigene Darstellung nach Deutsche Bundesbahn, Geschwindigkeitsheft 4705. Transportauftrag "LINDWURM", gültig vom 10.09.1990 bis 30.09.1990. aus dem Geschwindigkeitsheft zeigt exemplarisch die zwischen Hauptstuhl und Ludwigshafen (Rhein) Hbf vorgesehenen Höchstgeschwindigkeiten für die Routen "rot" und "grün".

1 2 3a 3b
90 - ZBF A 63 -
Hauptstuhl 22,7
Sbk 15 25,2
Landstuhl A 60 28,4
Kindsbach E 60 31,8
Kindsbach A 60
Esig E'hof 34,7
90
- ü südl Verb-Gleis -
34,7 Esig E'hof 34,7
40
35,7 Bft E'hof Einfahrbez 35,7
50
37,6 Zsig 37,6
40
Bft E'hof Eo 38,3
39,2
90
Kaisersl AW Hp 40,2
90
- über Güterzuggleis -
34,7 Esig E'hof 34,7
40
Bft E'hof Einfbez 35,7
36,5
90
38,7 Asig Bft E'hof Eo 38,7
40
39,2
90
Kaisersl AW Hp 40,2
90
Esig E'hof
34,7
Bft E'hof, Zsig 35,7
Asig E'hof 38,7
Bft Vogelweh Hp 38,9
Kaisersl Aw Hp 40,2
Sbk 21 40,6
Kennelgarten Hp 41,0
Esig Kaisersl 42,3
Kaisersl Hbf 43,7
Sbk 1 45,9
Sbk 3 48,0
Sbk 5 49,8
52,1 VE Sbk 7 52,1
- ZBF A 77 -
Hochspeyer 54,2
Sbk 11 57,2
Frankenstein Hp 59,2
Sbk 15 59,4
59,9
80
60,8
90
Weidenthal E 50 63,4
Weidenthal A 50
Sbk 717 64,6
Sbk 719 66,6
Sbk 721 68,1
Lambrecht E 60 70,7
Lambrecht A 60
Sbk 21 73,0
Sbk 23 75,0
Esig Neust Hbf 76,4
Neust Hbf 77,2
Asig Neust Hbf 78,7
Sbk 25 80,7
Sbk 27 82,7
Haßloch E 60 85,9
Haßloch A 50
Böhl-Iggelheim E 60 89,7
Böhl-Iggelheim A 60
Esig 93,7
Schifferstadt 94,5
Sbk 33 96,5
Limburgerhof E 60 98,5
Limburgerhof A 60
Esig Lu Hbf 100,2
Bft Lu-Rheingönh 101,4
Bft Lu-Mundenh 103,2
Zsig 103,3
104,2 Bft Ludwigsh Hbf 104,2
60
Zsig T 51/52/53
- ZBF A 63 -
Bft Ludwigsh Hbf 105,2
(tief)
0,0
Asig 0,2

Die Sicherung der Bahnanlagen oblag im Wesentlichen den Kräften der Bahnpolizei. Hierzu wurden - ähnlich wie im Fall des Straßentransports - aus mehreren Bundesbahndirektionen Kräfte zusammengezogen. Der Bereich um das Depot in Miesau bis Kaiserslautern wurde dabei von Beamten der Bundesbahndirektion Saarbrücken kontrolliert, ebenso wie die Abschnitte der nicht genutzten Route "blau". Der übrige Abschnitt bis Ludwigshafen (Rhein) Hbf oblag der Kontrolle durch Beamte der Bundesbahndirektion Karlsruhe. An den übrigen Streckenabschnitten waren Beamte aus den jeweils zuständigen Bundesbahndirektionen eingesetzt. Insgesamt waren an dem gesamten Transport von Miesau bis Nordenham folgende Bundesbahndirektionen beteiligt.T. Steidl, Großeinsatz der Bahnpolizei - Transportauftrag: "Aktion Lindwurm", http://bahnpolizeiderdb.de.tl/Bahnpolizeieinsatz--g-Aktion-Lindwurm-g-.htm (abgerufen am 15.03.2018).

Bundesbahndirektion
eingesetzte Bahnpolizeikräfte
Saarbrücken
106
Nürnberg 54
Essen 45
München 42
Hamburg 40
Köln 32
Frankfurt (Main) 26
Karlsruhe 19

Zusätzlich waren an größeren Bahnhöfen ebenfalls Bahnpolizeibeamte mit Sicherungsaufgaben betraut.T. Steidl, Großeinsatz der Bahnpolizei - Transportauftrag: "Aktion Lindwurm", http://bahnpolizeiderdb.de.tl/Bahnpolizeieinsatz--g-Aktion-Lindwurm-g-.htm (abgerufen am 15.03.2018).
Durch Kräfte der jeweiligen Landespolizeien, des Bundesgrenzschutzes und der Bahnpolizei wurden Über- und Unterführungen bei Durchfahrt der Züge für jeglichen Verkehr gesperrt.T. Steidl, Großeinsatz der Bahnpolizei - Transportauftrag: "Aktion Lindwurm", http://bahnpolizeiderdb.de.tl/Bahnpolizeieinsatz--g-Aktion-Lindwurm-g-.htm (abgerufen am 15.03.2018). T. Ferguson in 59th Courier, Special Edition (Hrsg.: 59th Ordnance Brigade Office of Public Affairs), Pirmasens, 1990, S. 8f. Weiterhin sicherten vereinzelte Kräfte die Strecke an neuralgischen Punkten, z.B. bei Parallelläufen von Straße und Bahnstrecke.T. Steidl, Großeinsatz der Bahnpolizei - Transportauftrag: "Aktion Lindwurm", http://bahnpolizeiderdb.de.tl/Bahnpolizeieinsatz--g-Aktion-Lindwurm-g-.htm (abgerufen am 15.03.2018). Gleiches galt für Bahnübergänge, die zusätzlich zu den technischen Sicherungseinrichtungen gesondert überwacht wurden. Während Brücken und Unterführungen zwischen den einzelnen Zügen - ein Gesamtzeitraum von etwa 30 Minuten, siehe oben - freigegeben wurden, blieben Bahnübergänge solange geschlossen, bis alle drei Züge diese passiert hatten.T. Ferguson in 59th Courier, Special Edition (Hrsg.: 59th Ordnance Brigade Office of Public Affairs), Pirmasens, 1990, S. 8f.
Die Einsatzleitung für die an dem Einsatz beteiligten Sicherungskräfte - hauptsächlich der Bahnpolizei - befand sich im Rangierbahnhof Einsiedlerhof. Diese war für die Koordinierung der Kräfte im Bereich Miesau und Kaiserslautern zuständig. Unter dem Funkrufnamen "Staufer" wurden von hier aus sämtliche Meldungen und Einsätze verarbeitet bzw. koordiniert.T. Steidl, Großeinsatz der Bahnpolizei - Transportauftrag: "Aktion Lindwurm", http://bahnpolizeiderdb.de.tl/Bahnpolizeieinsatz--g-Aktion-Lindwurm-g-.htm (abgerufen am 15.03.2018).
Der Bahntransport verlief bis auf kleinere technische Probleme und vereinzelte Streckensperrungen problemlos.K.-D. Holzborn, eisenbahn magazin 1990, 11, S. 18. F. Engbarth, Von der Ludwigsbahn zum integralen Taktfahrplan, 1. Auflage, Zweckverband SPNV Rheinland-Pfalz Süd, Kaiserslautern, 2007, S. 43. Der erste Zug wurde zudem durch politische Würdenträger begleitet, z.B. durch den rheinland-pfälzischen Innenminister Rudi Geil, den hessischen Innenminister Gottfried Milde sowie den US-amerikanischen Botschafter in Deutschland, Vernon A. Walters.T. Steidl, Großeinsatz der Bahnpolizei - Transportauftrag: "Aktion Lindwurm", http://bahnpolizeiderdb.de.tl/Bahnpolizeieinsatz--g-Aktion-Lindwurm-g-.htm (abgerufen am 15.03.2018).

Phase 2.4: Seetransport von Nordenham zum Johnston-Atoll
SS Flickertail StateFoto: J. M. Bowman, U.S. Army, gemeinfrei. verfügbar unter https://commons.wikimedia.org/wiki/File:SS_Flickertail_State_(T-ACS-5)_arriving_Johnston_Atoll_1990.JPEG (abgerufen am 19.03.2018).
Unmittelbar nach ihrer Ankunft in Nordenham wurden die Munitionszüge in einen speziellen Sicherheitsbereich verbracht und dort auf eventuelle Kontaminationen überprüft. Gleichzeitig erfolgte die kontinuierliche Überwachung der Umgebungsluft auf mögliche Kontamination mit dem Material. Nachdem jegliche Verunreinigung oder Substanzaustritt ausgeschlossen werden konnte, wurden die Container auf die bereitstehenden Schiffe verladen. Nach Abschluss der täglichen Verladearbeiten wurdne sämtliche Luken verschlossen und die speziell eingebauten Überwachungsanlagen aktiviert.T. Ferguson in 59th Courier, Special Edition (Hrsg.: 59th Ordnance Brigade Office of Public Affairs), Pirmasens, 1990, S. 10.
Für den Abtransport wurden die beiden Schiffe SS Gopher State und SS Flickertail State des U.S. Navy Sealift Commands vorgesehen, welche Teil der ständigen Reserve ("ready reserve fleet") des US-Militärs sind. Für die Auswahl dieser beiden Schiffe führte das US-Verteidigungsministerium im Wesentlichen drei Gründe anUnited States General Accounting Office, DOD's Successful Effort to Remove U.S. Chemical Weapons From Germany, Februar 1991, S. 15. :
  1. freistehende Kräne an Bord der beiden Schiffe;
  2. ausreichende Ladekapazitäten unter Deck, um eine Trennung der Fracht zu ermöglichen;
  3. Möglichkeit zur Anpassung an die speziellen Transportbedingungen im Hinblick auf Überwachung der Umgebungsbedingungen und Beförderung zusätzlichen Personals sowie Materials.
SS Gopher StateFoto: V. Gempis, U.S. Army, gemeinfrei. verfügbar unter https://commons.wikimedia.org/wiki/File:SS_Gopher_State_(T-ACS-4)_at_Johnston_Atoll_1990.JPEG (abgerufen am 19.03.2018).
Zur Überwachung der Ladung wurden drei verschiedene Systeme nachgerüstet, die hauptsächlich der Überwachung der Umgebungsluft auf ausgetretenes Material dienten.
Zum einen wurden spezielle Lüftungssysteme und Systeme zur Probennahme eingebaut, welche über ein schiffseigenes Analyselabor Daten zur aktuellen Qualität der Umgebungsluft lieferten. Weiterhin wurden sämtliche Luken, Schotts und Fenster mit luftdichter Isolation versehen, um die Emission von möglicherweise ausgetretenem Material zu vermeiden. Um bei möglichen Kollisionen auf See oder bei Manövern im Hafen Beschädigungen der MILVANs zu vermeiden, wurden zusätzliche leere Container eingebracht. Zum Schutz der Besatzung wurden spezielle Frischluftsysteme installiert, welche über ein Filtersystem einen kontinuierlichen Luftaustausch in den Quartieren sowie an einem Großteil der Arbeitsplätze sicherstellten. Weiterhin wurden Dekontaminationseinrichtungen aufgebaut sowie die medizinischen und feuerwehrtechnischen Kapazitäten der beiden Schiffe im Hinblick auf die Transportaufgabe deutlich erweitert.United States General Accounting Office, DOD's Successful Effort to Remove U.S. Chemical Weapons From Germany, Februar 1991, S. 16.
Neben diesen sicherheitstechnischen Anpassungen wurden noch Modifikationen an den betrieblichen Einrichtungen der beiden Schiffe vorgenommen. Dies beinhaltete erweiterte Kommunikationsmöglichkeiten mit und ohne Verschlüsselung sowie Anlagen zum Tanken auf hoher See. Insbesondere die letzte Erweiterung war nötig, da man auf Seiten der Vereinigten Staaten unnötige Hafenaufenthalte aufgrund der damit verbundenen Gefahren und Sicherheitsprobleme vermeiden wollte.United States General Accounting Office, DOD's Successful Effort to Remove U.S. Chemical Weapons From Germany, Februar 1991, S. 17f.
Die 38 Mann starke Besatzung der beiden Schiffe, zum Großteil Reservisten, verstärkt durch Personal der U.S. Army Technical Escort Unit, des U.S. Navy Medical Team sowie weiterer KräfteT. Ferguson in 59th Courier, Special Edition (Hrsg.: 59th Ordnance Brigade Office of Public Affairs), Pirmasens, 1990, S. 10., wurde im Vorfeld zu der Transportaktion einer umfangreichen zusätzlichen Ausbildung sowie weiteren Übungs- und Probeläufen unterzogen. Diese beinhalteten unter anderem die Bekämpfung von Bränden an Bord, Schadensbeseitigung, Kenntnisse über die transportierten chemischen Kampfstoffe sowie die Betankung auf hoher See. Während der Probeläufe, die ab Mitte August 1990 durchgeführt wurden, zeigten sich darüber hinaus noch einige Defizite am eingesetzten Material, welche jedoch rechtzeitig bis zum Beginn des Abtransports behoben werden konnten.United States General Accounting Office, DOD's Successful Effort to Remove U.S. Chemical Weapons From Germany, Februar 1991, S. 18ff.
Am 22. September 1990 verließen die beiden Schiffe den Midgard-Hafen in Nordenham in Richtung Südamerika.T. Ferguson in 59th Courier, Special Edition (Hrsg.: 59th Ordnance Brigade Office of Public Affairs), Pirmasens, 1990, S. 10.

Phase 3: Vernichtung
Nach der Ankunft auf dem Johnston-Atoll wurden die Waffen zunächst bis mindestens 1993 eingelagert, da die erst im Juli 1990 fertiggestellte Entsorgungsanlage JACADS (Johnston Atoll Chemical Agent Disposal System) noch umfangreichen Tests unterzogen werden musste. Die Testreihen wurden am 6. März 1993 abgeschlossen.National Research Council Committee on Review and Evaluation of the Army Chemical Stockpile Disposal Program, Closure and Johnston Atoll Chemical Agent Disposal System, National Academy Press, Washington D.C., 2002, S. 6.
Zur Vernichtung der Kampfstoffe wurden die Granaten zunächst maschinell aufgeschraubt und die chemischen Bestandteile abgesaugt. Die Chemikalien, der enthaltene Sprengstoff sowie die Metallhülsen wurden anschließend getrennt voneinander in separaten Öfen bei Temperaturen von bis zu 1110 °C verbrannt. Der hierbei entstandene Sondermüll lagert weiterhin in den USA.Dokucenter Ramstein, Operation Lindwurm. Eine öffentlich durchgeführte geheime Aktion, Begleitheft zur Ausstellung, 2010, http://www.dc-ramstein.de/de/publikationen?download=5:operation-lindwurm-eine-oeffentlich-durchgefuehrte-geheime-aktion (abgerufen am 15.03.2018).

Zusammenfassung
Im Rahmen der "Aktion Lindwurm" wurden 100 000 bis 120 000 Granaten mit den chemischen Kampfstoffen Sarin (GB) und VX aus Westdeutschland über eine kombinierte Transportroute aus Straßen-, Bahn- und Seetransport aus Westdeutschland abtransportiert. Die bei dieser, von amerikanischer Seite als "zero defects operation" bezeichnten, Aktion beteiligten Kräfte sowohl auf deutscher als auch auf amerikanischer Seite sorgten mit ihrer professionellen Arbeit dafür, dass die Transporte trotz des hohen öffentlichen Interesses sicher und zügig abgewickelt werden konnten. Das US-Militär nutzte einige der bei dieser Aktion erworbenen Kenntnisse und Fähigkeiten später auch im Zweiten Golfkrieg.S. P. Gehring, From the Fulda Gap to Kuwait. U.S. Army, Europe and the Gulf War, Department of the Army, Washington D. C., 2002, S. 43.
Nach Abschluss der Aktion lud der damalige rheinland-pfälzische Innenminister Rudi Geil alle beteiligten Polizisten, Soldaten und sonstigen zivilen Helfer sowie die Einwohner zu einer Feier am 21. September in Clausen ein.W. Bittorf, Der Spiegel 1990, 44, S. 72-77 F. Engbarth, Von der Ludwigsbahn zum integralen Taktfahrplan, 1. Auflage, Zweckverband SPNV Rheinland-Pfalz Süd, Kaiserslautern, 2007, S. 43. Hiervon ausgenommen waren jedoch die beteiligten Eisenbahner.F. Engbarth, Von der Ludwigsbahn zum integralen Taktfahrplan, 1. Auflage, Zweckverband SPNV Rheinland-Pfalz Süd, Kaiserslautern, 2007, S. 43.
Die Kosten für die Aktion beliefen sich letztlich auf 53 Millionen US-Dollar auf US-amerikanischer Seite und überstiegen damit die ursprünglich erwarteten 41.9 Millionen um 11.1 Millionen US-Dollar, was insbesondere auf Verzögerungen bei der Fertigstellung der für den Transport benötigten SSC - 7.2 Millionen US-Dollar, die durch die Bundesregierung bezahlt wurden - sowie der Reparatur der teilweise defekten MILVANs - 1.4 Millionen US-Dollar, bezahlt von amerikanischer Seite - zurückzuführen ist.United States General Accounting Office, DOD's Successful Effort to Remove U.S. Chemical Weapons From Germany, Februar 1991, S. 20f.
Die von deutschen Sicherheitsbehörden erworbenen Kenntnisse im Hinblick auf Sicherheitsmanagement und Transportsicherheit wurden später teilweise auch bei den ersten Castorvolltransporten eingesetzt und in diesem Zusammenhang noch deutlich erweitert.
Auf dem Gelände des ehemaligen Depots in Clausen ist mittlerweile ein Solarpark entstanden.ohne Autor, Vom Giftgaslager zum Solarpark, Saarbrücker Zeitung, 24.07.2015.

Chemischer Hintergrund
In den nachfolgenden Ausführungen soll kurz auf den chemischen Hintergrund der abtransportierten Kampfstoffe Sarin (GB) und VX eingangen werden. Dieser Abschnitt richtet sich ausschließlich an interessierte Leser. Für das Verständnis sind gewisse Grundkenntnisse in Biologie und Chemie vorteilhaft.

Die in den Granaten enthaltenen Kampfstoffe Sarin (GB) und VX gehören zur Gruppe der phosphororganischen Verbindungen. Verbindungen dieser Art sind nur dann biologisch aktiv, wenn sie auf folgende Grundstruktur zurückzuführen sind.S. Franke, Lehrbuch der Militärchemie. Band 1, VEB Militärverlag der Deutschen Demokratischen Republik, Berlin, 1977, S. 379.


Dabei bezeichnen Y und Z eine Alkoxy-, Aroxy-, Alkyl-, Aryl- oder Alkylaminogruppe, während X eine halogenhaltige Abgangsgruppe mit aziden Eigenschaften darstellt. Die (P-X)-Bindung ist dabei ausschlaggebend für die biologische Wirkung der Verbindung.S. Franke, Lehrbuch der Militärchemie. Band 1, 2. Auflage, VEB Militärverlag der Deutschen Demokratischen Republik, Berlin, 1977, S. 379. Die Struktur ähnelt dabei deutlich den auf phosphororganischer Basis aufbauenden Pestiziden, wie z.B. Malathion, dessen Struktur nachfolgend dargestellt ist.C. P. Holstege, M. Kirk, F. R. Sidell, Med. Toxicol. 1997, 13 (4), S. 923-942. doi: 10.1016/S0749-0704(05)70374-2


Sarin - chemisch O-Isopropylmethylfluorphosphonat oder militärisch GB - zählt zur Gruppe der Alkylfluorphosphonate.S. Franke, Lehrbuch der Militärchemie. Band 1, 2. Auflage, VEB Militärverlag der Deutschen Demokratischen Republik, Berlin, 1977, S. 392. Basierend auf der obigen Grundstruktur kann mit X = F, Z = CH3 und Y = OiPr die nachfolgende Strukturformel angegeben werden.


Sarin wird der G-Reihe zugeordnet, zu der auch Tabun und Soman zählen.C. P. Holstege, M. Kirk, F. R. Sidell, Med. Toxicol. 1997, 13 (4), S. 923-942. doi: 10.1016/S0749-0704(05)70374-2
VX - chemisch O-Ethyl-S-2-diisopropylaminoethylmethylphosphonothiolat - wird dagegen zur Reihe der V-Kampfstoffe gezählt. Es unterscheidet sich von Sarin vor allem durch seine deutlich höhere Toxizität.S. Franke, Lehrbuch der Militärchemie. Band 1, VEB Militärverlag der Deutschen Demokratischen Republik, Berlin, 1977, S. 438 und 444.


Wirkung phosphororganischer Kampfstoffe
Biologisch aktive phosphororganische Verbindungen zeichnen sich durch ihre starke nervenschädigende Wirkung aus. Diese beruht wiederum auf der inhibierenden Wirkung auf die Acetylcholinesterase (AChE). Dieses Enzym ist für die Spaltung des Neurotransmitters Acetylcholin erforderlich, welcher die Weiterleitung der Nervenimpulse durch den synaptischen Spalt von einer Nervenfaser zur nächsten reguliert. Darüber hinaus hemmt Sarin auch Enzyme in der Leber, der Muttermilch und den Nieren.S. Franke, Lehrbuch der Militärchemie. Band 1, 2. Auflage, VEB Militärverlag der Deutschen Demokratischen Republik, Berlin, 1977, S. 383.
Die Acetylcholinesterase besitzt in ihrem aktiven Zentrum einen Serinrest, dessen Hydroxylgruppe durch die Imidazolgruppe des benachbarten Histidinrests über eine Wasserstoffbrückenbindung aktiviert wird.S. Franke, Lehrbuch der Militärchemie. Band 1, 2. Auflage, 2. Auflage, VEB Militärverlag der Deutschen Demokratischen Republik, Berlin, 1977, S. 383. Acetylcholin bindet an die Hydroxylgruppe des Serins und zerfällt in Cholin und Essigsäure, wodurch die neuronale Wirkung des Transmitters aufgehoben wird.C. P. Holstege, M. Kirk, F. R. Sidell, Med. Toxicol. 1997, 13 (4), S. 923-942. doi: 10.1016/S0749-0704(05)70374-2
Die phosphororganischen Verbindungen weisen eine ähnliche Reaktivität wie das Substrat Acetylcholin auf, was einen Angriff dieser Verbindungen am aktiven Zentrum der Acetylcholinesterase gegünstigt. Bindet eine phosphororganische Verbindung am aktiven Zentrum des Serins, kommt es zur Phosphorylierung des aktiven Zentrums, wodurch das Enzym inhibiert wird und kein weiterer Abbau des Neurotransmitters möglich ist.S. Franke, Lehrbuch der Militärchemie. Band 1, 2. Auflage, VEB Militärverlag der Deutschen Demokratischen Republik, Berlin, 1977, S. 383. C. Schneider, A. Bierwisch, M. Koller, F. Worek, S. Kubik, Angew. Chem. 2016, 128, S. 12859-12863. doi: 10.1002/ange.201606881 Die nachfolgende Abbildung zeigt diesen Mechanismus in vereinfachter Form.eigene Darstellung nach S. Franke, Lehrbuch der Militärchemie. Band 1, 2. Auflage, VEB Militärverlag der Deutschen Demokratischen Republik, Berlin, 1977, S. 387.


Der Inhibitionsprozess verläuft dabei in zwei Stufen. Es kommt zunächst zu einer reversiblen Hemmung unter Bildung eines AChE-Sarin-Komplexes. Durch Reaktion zwischen Sarin und dem aktiven Zentrum der Acetylcholinesterase wird unter Abspaltung von Flusssäure eine kovalente Bindung zwischen dem aktiven Zentrum umd dem Phosphoratom des Sarins gebildet. Die Stärke der gebildeten kovalenten Bindung ist dabei abhängig von der Güte der Abgangsgruppe (vgl. X in der obigen allgemeinen Strukturformel). Die Acidität der dabei austretenden Säure bestimmt die Stärke der (P-X)-Bindung und damit auch die Reaktivität der phosphororganischen Verbindung und somit letztlich auch die Toxizität.S. Franke, Lehrbuch der Militärchemie. Band 1, VEB Militärverlag der Deutschen Demokratischen Republik, Berlin, 1977, S. 388.
Für VX kann von einem ähnlichen Inhibitionsmechanismus ausgegangen werden.
Die Dephosphorylierung der Acetylcholinesterase erfolgt nur sehr langsam. Infolgedessen kommt es zu einer Aufkonzentration von Acetylcholin im synaptischen Spalt und aufgrund des fehlenden katalytischen Abbaus des Neurotransmitters zu einer Dauererregung im zentralen und peripheren Nervensystem. Diese führt letztlich zu Krämpfen und weiteren neurotoxischen Effekten und schlussendlich zum Tod.C. Schneider, A. Bierwisch, M. Koller, F. Worek, S. Kubik, Angew. Chem. 2016, 128, S. 12859-12863.

Sarin: Eigenschaften, Synthese und Wirkung
Die Synthese von Sarin gelang erstmals in der Arbeitsgruppe um Dr. Gerhard Schrader im Jahr 1938 bei der Suche nach geeigneten Schädlingsbekämpfungsmitteln auf phosphororganischer Basis. Die Namensgebung richtete sich dabei nach den an der Synthese beteiligten Forschern.C. P. Holstege, M. Kirk, F. R. Sidell, Med. Toxicol. 1997, 13 (4), S. 923-942. doi: 10.1016/S0749-0704(05)70374-2
Die farb- und geruchlose Flüssigkeit ist mit Wasser in jedem Verhältnis mischbar und zudem stark hygroskopisch. Ihre Anwendung als Kampfstoff ist nicht an bestimmte klimatische Bedingungen gebunden. Dampfförmiges Sarin adsorbiert sehr gut an verschiedenen Materialien wie Textilien, Wolle, Holz, Beton u.a., wodurch die toxische Wirkung noch lange nach Verlassen eines kontaminierten Gebietes anhalten kann. Aufgrund des hohen Dampfdrucks desorbiert Sarin in einer ungiftigen Atmosphäre schnell: Bereits 15 bis 20 Minuten nach Verlassen einer kontaminierten Atmosphäre sind 90 % des gesamten adsorbierten Materials wieder desorbiert. Erst nach zwei Stunden desorbieren 99 % der gesamten adsorbierten Moleküle. Dies kann insbesondere in geschlossenen Räumen zur Aufkonzentration führen, die letztlich letal wird. Durch Lüften oder rechtzeitiges Desorbieren mit speziellen Desorptionsmitteln kann dem entgegengetreten werden.S. Franke, Lehrbuch der Militärchemie. Band 1, 2. Auflage, VEB Militärverlag der Deutschen Demokratischen Republik, Berlin, 1977, S. 398ff.
Die Synthese von Sarin im Labormaßstab kann mit handelsüblichen Chemikalien auf recht einfachem Weg durchgeführt werden. Das nachfolgende Reaktionsschema zeigt einen beispielhaften Syntheseweg.eigene Darstellung nach D. Wöhrle, Chem. Unserer Zeit 2014, 48, S. 376-395.


Durch Chlorierung von weißem Phosphor wird zunächst Phosphortrichlorid erhalten, was durch Reaktion mit Zinkfluorid zu Phosportrifluorid umgesetzt wird. Durch Einwirkung von Isopropanol auf Phoshportrifluorid wird ein Phosphorigsäureester erhalten, der sich durch Umsetzung mit Methyliodid unter Abspaltung von Isopropyliodid zu Sarin umlagert. Werden binäre Granaten eingesetzt, so liegen zwei ungefährliche Stoffe in den Granaten vor, die erst durch Reaktion beim Abschuss unter Einsatz von Reaktionsvermittlern zu Sarin umgesetzt werden.D. Wöhrle, Chem. Unserer Zeit 2014, 48, S. 376-395.

Die Hauptaufnahmewege für Sarin sind der Atemwegstrakt sowie die Haut, wobei eine dermale Aufnahme an unverletzten Hautstellen unwahrscheinlicher ist als an solchen, die bereits eine Vorschädigung aufweisen. Eine Kontamination der Haut stellt für das behandelnde medizinische Personal sowie eventuelle Ersthelfer ein weit größeres Infektions- bzw. Kontaminationsrisiko dar als für den eigentlichen Patienten.C. P. Holstege, M. Kirk, F. R. Sidell, Med. Toxicol. 1997, 13 (4), S. 923-942. doi: 10.1016/S0749-0704(05)70374-2
Die Symptome einer Sarinvergiftung sind vergleich mit den von anderen phosphororganischen Kampfstoffen verursachten Krankheitsbildern. Im Wesentlichen können dabei folgende Symptome beobachtet werden.C. P. Holstege, M. Kirk, F. R. Sidell, Med. Toxicol. 1997, 13 (4), S. 923-942. doi: 10.1016/S0749-0704(05)70374-2
  • Augen
    • Tränenfluss
    • Pupillenverengung
    • verschwommenes Sichtfeld
    • verminderte Sehschärfe
    • Verlust des Hell-Dunkel-Sehens
    • Schmerzen während der Akkomodation
  • Atemwege
    • blutiger, wässriger Ausfluss aus der Nase
    • Atemgeräusche (Stridor)
    • Keuchen
    • Husten
    • Auswurf
    • Engegefühl in der Brust
    • Atemnot
    • Atemstillstand
    • Cyanose
  • Herz-Kreislauf-System
    • Herzrhythmusstörungen
    • Auffälligkeiten im EKG (Verlängerung des PR-Intervalls)
    • Vorhofkammerblock
    • Hypotonie
  • Haut
    • Nässen der betroffenen Stelle
    • Schweißbildung
  • Magen-Darm-Trakt
    • erhöhter Speichelfluss
    • Übelkeit
    • Erbrechen
    • Durchfall
    • Bauchkrämpfe
    • Stuhldrang
    • Inkontinenz
  • Urogenitalsystem
    • Harndrang
    • Inkontinenz
Die o.g. Symptome können zusätzlich von psychischen Auffälligkeiten begleitet werden, z.B. Halluzinationen oder Aggressivität. Zudem variiert die Stärke der Symptome je nach Menge an aufgenommenem Gift.C. P. Holstege, M. Kirk, F. R. Sidell, Med. Toxicol. 1997, 13 (4), S. 923-942. doi: 10.1016/S0749-0704(05)70374-2
Zur Dekontamination empfiehlt sich das Entfernen sämtlicher Kleidungsstücke und das Abduschen des Opfers mit Wasser. Um eine Kontamination an behaarten Stellen zu vermeiden, wird empfohlen, diese möglichst großzügig abzuschneiden.C. P. Holstege, M. Kirk, F. R. Sidell, Med. Toxicol. 1997, 13 (4), S. 923-942. doi: 10.1016/S0749-0704(05)70374-2
Die Behandlung einer Sarinvergiftung erfolgt in der Regel durch Gabe spezieller Antidote, z.B. Atropin als Atropinsulfat oder Pralidoximchlorid (2-Pyridinaldoximmethylchlorid). Atropinsulfat wirkt als Antagonist zu verschiedenen Neurotransmittern und besetzt so die Bindungsstellen der Acetylcholinesterase, die sonst durch Sarinmoleküle besetzt würden. Weiterhin kann Atropinsulfat einige der Symptome, z.B. Krämpfe, Übelkeit, Erbrechen und Störungen des Herz-Kreislauf-Systems lindern. Die Dosis ist abhängig von der Menge an Sarin, der das Opfer ausgesetzt war. Pralidoximchlorid ist in der Lage, die Inhibition der Acetylcholinesterase im ersten Schritt nach Bildung des AChE-Sarin-Komplexes zu unterbinden, indem es nucleophil an der Phosphatbindung zwischen dem Serinrest der Acetylcholinesterase und Sarin angreift. Das so gebildete Oxim-Phosphat-Produkt verlässt die Bindungsstelle unter Regeneration des ursprünglichen aktiven Zentrums.C. P. Holstege, M. Kirk, F. R. Sidell, Med. Toxicol. 1997, 13 (4), S. 923-942. doi: 10.1016/S0749-0704(05)70374-2 S. Franke, Lehrbuch der Militärchemie. Band 2, 2. Auflage, VEB Militärverlag der Deutschen Demokratischen Republik, Berlin, 1977, S. 587. Diese Behandlung ist jedoch nur erfolgreich, wenn sie rechtzeitig durchgeführt wird.
Da die Behandlung mit Pralidoximchlorid bei einer länger zurückliegenden Kontamination unter Umständen nicht erfolgversprechend ist, sollte als Erstbehandlung immer Atropin gegeben werden. Aus diesem Grund führten auch sämtliche an der "Aktion Lindwurm" beteiligten Sicherheitskräfte und Eisenbahner Atropinspritzen mit.T. Steidl, Großeinsatz der Bahnpolizei - Transportauftrag: "Aktion Lindwurm", http://bahnpolizeiderdb.de.tl/Bahnpolizeieinsatz--g-Aktion-Lindwurm-g-.htm (abgerufen am 15.03.2018)

VX: Wirkung
Dr. Ranajit Ghosh entdeckte 1952 auf der Suche nach einem neuen Pestizid zufällig den späteren Kampfstoff VX.C. P. Holstege, M. Kirk, F. R. Sidell, Med. Toxicol. 1997, 13 (4), S. 923-942. doi: 10.1016/S0749-0704(05)70374-2 Die Ergebnisse seiner Forschungen wurden durch das Vereinigte Königreich und die Vereinigten Staaten von Amerika für militärische Zwecke genutzt.
Der Wirkmechanismus von VX ähnelt dem von Sarin, gleiches gilt für die Symptomatik. VX weist jedoch im Gegensatz zu Sarin einen vergleichsweise geringen Dampfdruck auf, weshalb es hauptsächlich als Aerosol oder Spray angewandt wurde. Der niedrige Dampfdruck begünstigt auch eine hohe Persistenz, sodass kontaminierte Flächen auch noch lange Zeit nach Kontakt mit dem Stoff als potentielle Kontaktstellen zu betrachten sind. VX dringt leicht in poröse Materialien und Pflanzen ein, aus denen es jedoch - speziell bei porösen Materialien - durch Aufnahme von Luftfeuchtigkeit aus der Umgebung wieder herausdiffundieren und somit erneut eine potentielle Kontaminationsquelle darstellen kann. Durch die hygroskopische Wirkung wird die Gefährlichkeit des Stoffs noch verstärkt, da z.B. durch nasse Hände (Schweiß) oder Erde (Kontakt mit der Kleidung) zusätzliche Kontaminationsquellen bestehen. Die Sesshaftigkeit und Persistenz in der Umgebung ist dabei maßgeblich abhängig von den Umweltbedingungen, wie nachfolgende Liste zeigt.S. Franke, Lehrbuch der Militärchemie. Band 1, VEB Militärverlag der Deutschen Demokratischen Republik, Berlin, 1977, S. 439.
  • 10 °C, Wind, Regen: 1 bis 12 Stunden
  • 15 °C, sonnig: 3 bis 21 Tage
  • 20 - 25 °C, sonnig: 3 bis 7 Tage
  • -10 °C, schneebedeckter Grund, Sonne: 1 bis 16 Wochen
VX ist - auch aufgrund seiner Sesshaftigkeit in kontaminierter Umgebung - bei inhalativer Anwendung etwa zehn Mal giftiger als Sarin. Bei subkutaner Anwendung steigert sich dieser Faktor auf 100. Die Stärke der Symptome ist dabei - ähnlich wie bei Sarin - abhängig von der ausgesetzten Dosis. Angaben zur Dauer zwischen Kontamination und ersten Symptomen schwanken zwischen 30 Minuten und 24 Stunden. Bei direktem Kontakt mit ungeschützten Schleimhäuten oder Wunden tritt die Wirkung in der Regel unmittelbar ein. Aufgrund der bereits erwähnten Fähigkeit der Diffusion in poröse Materialien kann von Kleidung und sonstigen Ausrüstungsgegenständen auch noch lange Zeit nach Kontakt mit dem Gift eine mögliche Kontaminationsgefahr ausgehen.S. Franke, Lehrbuch der Militärchemie. Band 1, VEB Militärverlag der Deutschen Demokratischen Republik, Berlin, 1977, S. 444f.
Die Symptomatik einer VX-Vergiftung ähnelt einer Sarinvergiftung. Die Behandlung eines mit VX kontaminierten Menschen erfolgt mit den gleichen Mitteln wie bei einer Sarinvergiftung.C. P. Holstege, M. Kirk, F. R. Sidell, Med. Toxicol. 1997, 13 (4), S. 923-942. doi: 10.1016/S0749-0704(05)70374-2 S. Franke, Lehrbuch der Militärchemie. Band 2, 2. Auflage, VEB Militärverlag der Deutschen Demokratischen Republik, Berlin, 1977, S. 587.